Wo ist »in Flutung«? Ich schwänze eine Gerichtsverhandlung und packe zwei Quadratmeter Baumwolldecke, eine Wasserflasche, Gesetzesbücher und ein paar Akten mit Strafrechtsfällen in meinen Schweizer Armeerucksack. Warum eigentlich wird der Mensch, sobald er einen Fuß vor die Tür setzen will, zur Karawane? Argwöhnisch beäugen die Hunde das Gepäck.

Im östlichen Polen gibt es Menschen, die im Verlauf ihres Lebens in drei verschiedenen Staaten gewohnt haben, ohne ein einziges Mal umzuziehen. Im südlichen Leipzig wohnten die Menschen am Rand einer dröhnenden und stinkenden Mondlandschaft, mit der ungemütlichen Perspektive, früher oder später samt Gartengrundstück von den expandierenden Braunkohlegruben verschlungen zu werden. Dann, eines Tages, öffneten sie nach dem Aufwachen die Vorhänge und riefen: »Na so was, da ist ein See!« Und was für ein großer.

Fragt sich, was schlimmer ist. Der Parkplatz ist voller Autos, ich parke im Graben. Den See erblicke ich zum ersten Mal vom Aussichtspunkt auf dem Dach des Fahrradverleihs: Er ist von grünen Ufern eingefasst und mit kleinen weißen Segelbootdreiecken besteckt. Badegäste kleben an seinem Rand wie Salz am Margaritaglas. Wenn ich die Augen schließe und dem entfernten Kindergeschrei lausche, beginnt der Wind nach Chlor zu riechen. Eine Info-Tafel erklärt die Idee, auch die nächsten drei Braunkohlelöcher in riesige Seen zu verwandeln und dazu Yachthäfen, Tauchschulen, Naturschutzgebiete und vorsorglich eine Kajak-Wildwasserstrecke für die Olympischen Spiele 2012 anzulegen. So etwas schafft nur eine Stadt, in der das neue Fußballstadion sämtliche Einwohner fasst und das Messegelände die Größe des Stadtgebiets übersteigt. Das ist Leipzig, und dafür liebe ich es. Sie werden Bären auswildern und Ameisenhaufen aufschütten, ein paar Alpenvorausläufer hierher transportieren und demnächst noch einen Flughafen brauchen.

Der Größenwahn hebt meine Stimmung. Auf der »Erlebnisachse«, die vor allem ein Kiesweg ist, bewege ich mich in Richtung Wasser. Immer noch besser als Achse des Bösen, witzele ich und werfe den hinter mir in einer Staubwolke trottenden Hunden aufmunternde Blicke zu. Die Sonne fasst uns mit spitzen Fingern in die Augen, zwischen den Zähnen knirscht die Atemluft.

Dienstag, 14.00 Uhr. Haben die alle keine Arbeit und kein Zuhause? Ich gehe so lange weiter, bis die Badegastdichte plötzlich deutlich absinkt und die Hunde mit einem politischen Umsturz drohen. Ich lasse mich nieder, schütze den Kopf mit den Händen und warte darauf, von kreischenden Müttern mit leeren Alete-Gläsern und Plastikschaufeln beworfen zu werden. Nichts passiert. Als ich vorsichtig die Arme herunternehme, sehe ich fünf Golden Retriever, zwei schwarze Mischlinge und, das muss die Hitze sein, einen Bernhardiner, der nah am Wasser mit einem Bullterrier spielt. Zwischen Hunden, Handtüchern und Hacky-Sac-Spielern kriechen Kleinkinder umher, die allen gemeinsam zu gehören scheinen. Das Grinsen auf meinem Gesicht hebt die Lufttemperatur um weitere zwei Grad. Meine eigenen Hunde liegen längst im Wasser wie Sektflaschen im Kühler und grinsen zurück.

In der Aufregung hätte ich fast vergessen, dass ich in Ostdeutschland bin. Um keinen Anstoß zu erregen, entledige ich mich meines Bikinioberteils. Die beiden solariumgetoasteten Mädchen auf dem Nachbarhandtuch scheinen unter der Sonne eher blasser statt brauner zu werden. Ihre Söhne spielen Osama und W. Bush, stilecht erzeugt eine Schäferhündin beim Buddeln den Sandsturm dazu.

Kein Chlor, besser als das: In braunkohlesaurem Wasser wächst überhaupt nix. Ich schwimme einmal um die künstliche Insel und unterdrücke die Vorstellung, dass 90 Meter unter mir wahrscheinlich ein alter Schaufelbagger steht. Besichtige die Biokläranlage und die atlantikmäßig bepflanzten Dünenimitationen, die nicht viel größer sind als die Hügel der Minigolfbahn.

Tage werden hier zwar nicht hergestellt, dafür produzieren die Kühltürme des Kraftwerks am anderen Ufer toupierte Schäfchenwolken für den knallblauen Himmel. Die Skyline besteht aus Schornsteinen, Elektromasten, Fördertürmen, Baukränen des entstehenden Erlebnisparks und den Kirchtürmen ein paar übrig gebliebener Ortschaften. Es ist schön. Schwer wie ein an Land gespülter Walfisch liege ich auf meiner Decke. Stöckchen und Bälle fliegen durch die Luft wie andernorts Schwalben, ein handgroßer Mischlingsrüde versucht unermüdlich, meine kniehohe und im Übrigen sterilisierte Hündin zu begatten, der Bernhardiner drückt den Bullterrier unter Wasser, und alle Hunde pinkeln der Reihe nach an einen Pfahl, an dem ein weißer West-Highland-Terrier angebunden ist. Der hat mit Sicherheit einen schlechten Tag. An der Spitze des Pfahls befindet sich ein Schild, das habe ich noch gar nicht gesehen: Hundestrand. Ich beginne zu begreifen, warum wir zehnmal so viel Platz haben wie die Leute in der angrenzenden Bucht. Ganz neue Verwendungsmöglichkeiten für meine vierbeinigen Mitbewohner kommen mir in den Sinn: »Rent-a-Gassi - endlich Platz am Badestrand!« Und jede Menge neuer Freizeitbekanntschaften: »Ich glaube, mein Hund frisst gerade Ihren Proviantkorb leer!« - »Dafür hat meiner Ihr Handy vergraben. Gegen ein Käsebrötchen verleihe ich meines.«

Drei Stunden später sind die Strafrechtsakten voller Sand, die Hunde halb tot, aber glücklich. Ich, rothäutig wie eine Squaw, verabschiede mich von den Umliegenden und setze die Karawane wieder in Bewegung. Auf dem Weg zum Auto sondiere ich das Gelände: Vom Ertrag meiner neuen Geschäftsidee könnte ich mir ein Haus bauen. Hier irgendwohin. Zu Hause angekommen, finde ich es viel zeitgemäßer, vor meinen Fenstern etwas zu fluten. Die Wohnsiedlung auf der anderen Straßenseite ist dafür wie gemacht. Für heute ändere ich schon mal meinen Anrufbeantworterspruch: Nicht zu sprechen, bin in Flutung. Morgen kündige ich meinen Job und kaufe einen Gartenschlauch.