Als der Sänger um zwei Uhr morgens die Bühne betritt und seine Muezzin-Melismen auf der Zunge tanzen lässt, entlädt sich die gestaute Energie. Kondenswasser tropft von den Wänden, und die Tama- und Sabar-Trommeln kippen in jenen komplex verschachtelten, holprigen Rhythmus, der westliche Ohren vor unlösbare Rätsel stellt: Mbalax. Ein enigmatischer Code, der nicht entschlüsselt werden kann, eine Metapher für Bewegungslust jenseits der europäischen Diskothekennormen, eine Chiffre für das Inkommensurable.

Auf Ba Tay, Youssou N'Dours neuestem Tonträger, ist Mbalax pur und unverschnitten zu hören - die Atmosphäre des Thiossane zum transportablen Klangpaket geschnürt. Als Kassette kursiert es in Tausenden Exemplaren auf dem Sandaga-Markt, bei den fliegenden Händlern in der Avenue Georges Pompidou und in den Souvenirläden im Flughafen. In Europa dagegen wird Ba Tay seit Ende Juni von einem kleinen, unabhängigen Label vertrieben. Die letzte CD von N'Dour, Joko - from Village to Town, gedieh noch unter den Fittichen eines großen Plattenkonzerns und wurde in New York aufgenommen. Man investierte in Werbung und Marketing und spekulierte auf einen Hit wie Seven Seconds , dem bislang einzigen Welterfolg des Sängers. Doch der Cross-over-Erfolg blieb aus, Youssou N'Dour musste in der Kommerzliga eine Klasse absteigen.

Solche Karriereperipetien sind typisch für die Begegnungen zwischen Erster und Dritter Welt im Zeichen der Musik. Immer wieder versuchen die wenigen verbliebenen internationalen Plattenkonzerne, exotische "flavours" aus aller Welt für den Massengeschmack herzurichten - zuletzt im seichten Segment die Kolumbianerin Shakira und den unvermeidlichen Julio-Iglesias-Sohn Enrique. Doch wenn eine vermeintliche Wunderwaffe nicht zündet, dann wird sie postwendend entsorgt.

Der zweifelhafte Begriff World Music, unter dem solche bilateralen Experimente stattfinden, wurde 1987 von einer Gruppe britischer Musikproduzenten geprägt. Sie wollten ihren schwer kategorisierbaren Mischklängen aus Afrika, Asien und Lateinamerika ein marktgängiges Label verleihen. Seither sind der Terminus und die damit verknüpften Ideologien Gegenstand heftiger Kontroversen. David Byrne, einst Sänger der Talking Heads und seit vielen Jahren Betreiber der Globalklang-Firma Luaka Bop, sieht darin eine Diskriminierung der Künstler: "Man versucht diese Klänge ins Reich des Exotischen und Bizarren abzuschieben und damit eine Trennlinie zwischen ,uns' und ,ihnen' zu ziehen. Musiker werden nicht als Individuen wahrgenommen, sondern als Repräsentanten einer Kultur, die irgendwie fremd und eigenartig ist." Ian Anderson, der Chefredakteur der Fachzeitschrift Folk Roots, ist hingegen der Meinung, dass die Marke World Music ausgegrenzte Musikgenres überhaupt erst hörbar gemacht habe: "Das Label hat dazu beigetragen, dass heute große Mengen von Platten verkauft werden, die man vor zwei Jahrzehnten nicht mit Geld und guten Worten irgendwo hätte auftreiben können. Und es befördert kulturellen Austausch und internationale Kontakte."

Rhythmus light für den Westen

Grob gesprochen, umfasst der Begriff World Music alles, was nicht in den USA und den ökonomisch starken europäischen Ländern an Musik produziert wird. Er meint ethnografisch motivierte Field Recordings genauso wie komplexe Hybrid-Klänge und jene Bastard-Musiken, die die Ästhetik des anderen für den Westen lesbar machen sollen. Ein Vergleich der Youssou-N'Dour-CDs Joko und Ba Tay zeigt, wie sich die Manager der Musikkonzerne die Umcodierung eines "ethnischen" Künstlers für den Weltmarkt vorstellen: Beim Luxusprodukt Joko wurden die Mbalax-Trommeln so weit zurückgemischt, dass sie nur noch als sanftes Rhythmus-Wetterleuchten am Rande des Klangpanoramas wahrzunehmen sind. Stattdessen drängen sich die westlichen Instrumente - Gitarren und Keyboards - nach vorn und homogenisieren den Sound im Sinne des alltäglichen Hitparadenfutters. Die Texte der meisten Songs sind in Englisch und nicht in Wolof, der Sprache der senegalesischen Mehrheitsbevölkerung. Dazu kommen Gaststars wie Sting oder Wyclef Jean, die dem Protagonisten Promigeleitschutz geben sollen.

So wie viele afrikanische Künstler arbeitet Youssou N'Dour, seit er in den achtziger Jahren von Peter Gabriel "entdeckt" und gefördert wurde, zweigleisig: Der senegalesische Markt wird mit dem puren Stoff bedient, für die Jet-Set-Ausflüge in die globalen Hitparaden entwickelte der Künstler mithilfe von Rockproduzenten und Gastmusikern eine Art "Mbalax light", der noch genügend Exotica enthält, um als Stimme des anderen erkennbar zu bleiben, dem westlichen Publikum aber keine fremde Ästhetik aufzwingt. In Dakar selbst wird diese Wandlungsfähigkeit misstrauisch beobachtet. Intellektuelle und Journalisten sprachen von endgültigem Ausverkauf eines genuin senegalesischen Stils und riefen zum Boykott von Joko auf.