Sachbuch Die Göttinnen der Klugheit

Barbara Hahns Buch "Die Jüdin Pallas Athene" fragt nach den Jüdinnen in der Moderne. Was schrieben sie? Welche Bilder machte man sich von der Jüdin?

Von Ferne klingt es wie ein angeregtes Stimmengewirr, als redeten unzählige Frauen zugleich, hier eine mit weicherer Stimme, dort eine durchdringend, hier eine vertraulich, dort eine im Ton der öffentlichen Rede, dazwischen auch Männer, einem fehlen die Worte. Hier eine Frage, eine politische Forderung, da eine Analyse, eine Erzählung. Kein auffälliges Lachen, aber die Unterhaltung ist lebhaft, natürlich.

Von nahem gesehen ist das Buch, das diese Stimmenvielfalt hörbar macht, Resultat jahrelanger Suche in den Archiven, in den Werken, den Briefen, den Nachlässen von Toten. Das Buch heißt Die Jüdin Pallas Athene und wurde geschrieben von der Kulturwissenschaftlerin Barbara Hahn, die als Professorin in Princeton Literatur lehrt, eine Expertin für das Werk der Rahel Varnhagen, der Hannah Arendt. Die Jüdin Pallas Athene, die nicht für das akademische, sondern für das große Publikum geschrieben ist, beruht auf diesen Forschungen, erweitert sie, ergänzt sie um zahlreiche unbekanntere jüdische Autorinnen der Moderne und will wissen, was sie zu sagen haben.

Dem Buch voran stehen Sätze des Gelehrten Gershom Scholem von 1962: "Ich bestreite, daß es ein deutsch-jüdisches Gespräch in irgendeinem echten Sinne als historisches Phänomen je gegeben hat. Zu einem Gespräch gehören zwei, die aufeinander hören ... Es ist wahr: daß jüdische Produktivität sich hier verströmt hat, wird von den Deutschen jetzt wahrgenommen, wo alles vorbei ist." Ein Gespräch mit den Toten nannte er unmöglich.

Barbara Hahn versucht nicht, diesen Satz zu widerlegen. Sie will überhaupt nichts beweisen, sondern jener Produktivität nachgehen. Was sie gefunden hat, sind zum einen Äußerungen von Jüdinnen seit der Aufklärung - auch solcher Ausnahmen wie der Gräfin Cosel, einer Christin des 18. Jahrhunderts, die Hebräisch und Jiddisch lernte und nach den Regeln gläubiger Juden lebte. Zum anderen rekonstruiert Hahn die schillernden Bedeutungen, die das Wort "Jüdin" in den historischen Quellen bekommt, ob durch Wissenschaftler wie den Naturhistoriker und Arzt Johann Friedrich Blumenbach, ob politisch durch den Aufklärer Christian Dohm, ob durch Zeitgenossen der romantischen Salons wie Karl Gustav von Brinckmann oder Charles de Ligne.

Wider die Mythen und Zuschreibungen bringt Barbara Hahn - quer zu den machtvollen Kategorien der Moderne, zu den Gegensätzen Mann/Frau, Juden/Christen, Juden/Deutsche, Philosophie/Politik - eine gemischte Gesellschaft zum Sprechen, die kein Singular auf den Begriff bringt. Auch wenn die Antisemiten und Nationalsozialisten mit aller Anstrengung genau festlegten, wer Jude sei.

Ein Bild der Athene stand auf Heideggers Schreibtisch

Es ist ein Netz aus motivischen Korrespondenzen, das so zwischen den verschiedenen Stimmen entsteht und das unbekanntere Namen wie den einer Johanna Goldschmidt, einer Babette Meyer mit den herausragenden verknüpft: Arendt, Varnhagen, Luxemburg. Je länger die moderne Geschichte währt, desto mehr entdecken diese Frauen ihre "Vorfahrinnen": ob es durch das Buch Frauen der Romantik (1929) der Kulturtheoretikerin Margarete Susman geschieht, ob durch die Studie der Historikerin Selma Stern über den Wandel des jüdischen Frauentypus (1922) oder durch die Jüdinnen der Literaturwissenschaftlerin Bertha Badt-Strauss (1937).

Auch eine Theorie der Moderne nennt Hahn ihren Blick auf das weibliche jüdische Denken und das Denken über die Jüdinnen. "Theorie", das heißt hier wie im Griechischen "Wahrnehmungsweise": Hahn bietet an, die Moderne anders zu sehen, und dafür löst sie die Verallgemeinerungen des systematisierenden Denkens in Argumente, Bilder, Episoden, Erzählungen auf. Darin ist ihre Technik der einer Rahel Varnhagen oder Hannah Arendt verwandt. Und so ist ein Buch entstanden, das ähnlich wie Arendts Arbeiten dem Vorwurf des Unsystematischen kaum entgeht, zudem durch die Stimmenvielfalt in seinen Befunden oft schwebend bleibt. Aber das liegt in der Sache selbst, ist kein Mangel. Was moderne Jüdinnen dachten, wird sich eindeutiger nicht sagen lassen, als es durch Die Jüdin Pallas Athene geschieht.

Hahn sieht diese weibliche Moderne vor dem Hintergrund der Metapher Paul Celans, der im Gedicht Wenn ich nicht weiss, nicht weiss (1968) von der "Jüdin Pallas Athene" spricht. Damit erschafft Celan eine Figur, die in sich heterogene Traditionen verknüpft, die antike Göttin der Klugheit und des Krieges mit dem Judentum, das an den einen und einzigen Gott der Bibel glaubt. Pallas Athene war dem griechischen Mythos zufolge die nicht von einer Mutter, sondern aus dem Kopf des Zeus Geborene, war behelmt und gewappnet, kinderlos.

Im Gedicht Celans nun heißt es von der Jüdin Pallas Athene: "... ein Wort ohne Sinn, / transtibetanisch, / der Jüdin / Pallas / Athene / in die behelmten / Ovarien gespritzt". Die Metapher Celans macht die Jüdin zugleich zur Göttin der Klugheit und Athene zur jüdischen Mutter, sterilisiert, ermordet. "Mutter Rahel / weint nicht mehr. Rübergetragen / alles Geweinte", heißt es in einem anderen Gedicht Celans aus dem Zyklus Fadensonnen von 1968. Das Judentum wird über die Mutter tradiert. Die Klugheit der Athene wird keine Kinder bekommen.

"Aber durch die Bitte der Mutter Rachel, die um ihre Kinder klagt, wird Israel einst erlöst werden", hatte Bertha Badt-Strauss geschrieben, bevor sie Deutschland verließ. Pallas Athene: So wurden Hannah Arendt und Rahel Varnhagen von Freunden genannt, ein Bild der Athene stand auf Heideggers Schreibtisch. Pallas Athene: So nannte Else Lasker-Schüler eine Freundin. Es ist dieses Motiv, das Hahn als ein verbindendes in der Geschichte der intellektuellen Jüdinnen erkennt.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Hahn "die Konstituanten einer Kultur, die Deutschland vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1933 prägte". Die Sprache, das Geschlecht, die Konfession, die politischen Rechte, die Physiognomie, die Nation, die Bildung: Das sind die Themen. Lauter Ungewissheiten bestimmen die Gedanken und Handlungen. Um 1800 erkennt man Juden nicht mehr an den tradierten sichtbaren Zeichen der Ausgrenzung. Kulturelle, konfessionelle, soziale Grenzen geraten in Bewegung, Juden sind noch lange nicht gleichberechtigt, viele konvertieren, die Ausgrenzung bleibt auch für Getaufte zu spüren.

Wer also ist ein Jude, wer eine Jüdin? Sowohl Blumenbach als auch der Anatom Peter Camper erkennen die Juden auf den ersten Blick, nur vermögen sie nicht zu erklären, woran. Eine Sophie von Grotthuß, geborene Sara Meyer, lässt sich taufen, konvertiert wieder zum Judentum, heiratet schließlich erneut christlich und schreibt im Abstand von acht Jahren zwei spektakulär unbeantwortete Briefe an Goethe, über ihre schwierige Biografie. Die Generation der Mütter, von der sich diese Töchter lösen, hatte noch in hebräischen Lettern geschrieben.

Unsicherheiten auch aufgrund der Quellenlage: Frauen, die sich nicht taufen ließen, wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kaum zur Autorin im modernen Sinne und trugen zur schriftlichen Überlieferung nicht bei. Im Jahr 1847 verfasst eine Johanna Goldschmidt - anonym - die fiktive Korrespondenz zwischen einer um Gleichberechtigung kämpfenden Jüdin und einer christlichen Adligen. Goldschmidt ist nicht getauft. Manch eine konvertiert nun zum Judentum: etwa Paula Winkler, die Frau Martin Bubers, die für den Zionismus kämpfen will, doch ihr Mann sieht sie lieber als Mutter. So schreibt sie als Georg Munk Geschichten aus dem katholischen Süddeutschland.

Noch eine Unsicherheit: Um 1800 prägt sich die spezifisch deutsche moderne Geschlechternorm aus (drinnen waltet die züchtige Hausfrau), aber die Jüdinnen scheinen weder ganz zu den rechtlosen Juden noch zu den bürgerlichen Frauen zu gehören. Was ist eine Jüdin? Vielerlei. Ja, die Juden sollen rechtlich gleichgestellt werden, fordert Christian Wilhelm Dohm 1781, aber damit meint er die Männer. Umso mehr redet Anton Theodor Hartmanns Studie Die Hebräerin am Putztische und als Braut von den Frauen. Sie begreift die Jüdinnen als Garantinnen der Überlieferung, als ruhenden Widerpart zu den modischen Europäerinnen. Der Diplomat Brinckmann wiederum rätselt über die spezifische Fremdheit der ägyptisch anmutenden Jüdinnen, die schön wären, wenn sie denn den Griechinnen glichen. Typisch ägyptisch fand er Rahel Varnhagen, dem modernen Mythos zufolge die Repräsentantin der Berliner Geselligkeit um 1800, des Salons.

Den Mythos des Salons aber, nämlich die Vorstellung, "dass es wenigstens einmal ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Juden gegeben haben muss", lässt Hahn nicht bestehen. Zum Mythos gehört es, von den Gästen im Salon Rahels in der Jägerstraße nur solche zu kennen, die ihre jüdische Tradition hinter sich gelassen hatten - obwohl Rahel selbst doch erwähnt, wie präsent ihre Herkunftsfamilie in der Geselligkeit war. Der legendäre Salon erscheint in Hahns Schilderung mehr als ein Wunsch denn als gelungene Realität. Und die Berliner Geselligkeit um 1800 als Forschungslücke.

Eine weitere Unsicherheit: Mit dem fortschreitenden 19. Jahrhundert stellt manche Autorin ihrem nun jüdischen Publikum die Frage, wie Jüdinnen, die doch zur Tradierung ihrer Kultur bestimmt seien, in modernen Gesellschaften unterscheidbar sein können. Die Schriftstellerin Else Croner versteht die Jüdin, und eben nicht die Männer, als "Trägerin einer zweifachen Kultur", aber das hofft sie mehr, als dass sie es feststellt: Denn noch sei "die Jüdin der Gegenwart der komplizierteste, durchgeistigste, aber auch zersplittertste Frauentypus". Die Vermittlung des Heterogenen, im Salon wie einst bei Rahel, gelänge der modernen Jüdin, die Menschen aller Art zusammenzubringen verstünde, besser als anderen. Doch das schrieb Croner, als sich das antisemitische Klischee von der neureichen Salonjüdin schon verfestigt hatte.

Die Hoffnung bleibt in der Schwebe.

Auch Hahns Darstellung schwebt, wenn es um die Frage der Integration des Verschiedenen geht: Sie nennt Zeugen für das Scheitern der sozialen Mischung und für die Verhaftung im je eigenen Milieu

sie nennt aber auch Belege für Salons, in denen ein breites Publikum selbstverständlich ist. Es ist, als gäbe Hahn, je eingehender sie an der Rekonstruktion der verschiedensten Bilder von Juden arbeitet, im Nachhinein die Hoffnung nicht auf, dass ein Zusammenleben unter rechtlich Gleichen doch möglich gewesen sein müsste.

Und die Geschlechter? In ihrem Aufsatz Wandlungen der Frau von 1933 hatte Margarete Susman den Kollaps der alten Geschlechterordnung durch den Weltkrieg festgestellt: "Es zeigte sich: der Mann hatte der Frau gar keine Welt mehr anzubieten

all seine Ordnungen und Gesetze waren zerfallen ... Beim Erwachen aus einem Traum, der so lang war wie die europäische Geschichte, steht die Frau frierend im Leeren." Die Frau - von der Jüdin ist in Susmans theoretischer Arbeit die Rede fast nie.

Aber das Judentum wird nun in das Zentrum des Denkens rücken. Das Porträt der Freundschaft zwischen Susman und der Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz (die Mutter eines Kindes von Georg Simmel war und dessen Nachlass edierte, ein unabgeschlossenes Buch über Das Wesen der griechischen Kunst schrieb) zeichnet den Weg in die nationalsozialistische Repression nach, und die Frauen beziehen sich nun auf die Tradition derer, "die vom König David stammen". Margarete Susman solle von Hiob lernen, rät ihr die Freundin: "Die Gegenwart braucht Dich, Dein Schreiben." Susmans Buch Hiob, eines der ersten über den Massenmord an den europäischen Juden, erschien 1947, zwei Jahre nach der Ermordung der Freundin in Theresienstadt.

Ein Reigen von Paaren, ins Gespräch vertieft

Etwas fehlt diesem Buch: Bilder. Man möchte sie sehen, diese Frauen! Man möchte sie sehen, die Abbildungen aus den Werken, die etwa im Rekurs auf die Kunst bestimmen wollten, was Juden sind! Man möchte Henriette Herz sehen, wie sie sich als Hebe, als griechische Göttin der Jugend, malen ließ. Die außerordentliche Gräfin Cosel, sonst bekannt als Geliebte von August dem Starken, will man sehen! Man möchte das sehen: die junge Hannah Arendt, wie sie Heidegger vor Augen stand. Bilder müssen beim Lesen vor dem inneren Auge entstehen - und überprüfen, schade, kann man sie nicht. Noch etwas fehlt: sozialhistorische Details zu Ausbildung, Elternhaus, Kindheitsort, wie sie etwa Hahns Frauen in den Kulturwissenschaften boten (Beck'sche Reihe 1043, München 1994). Wer waren Nahida Remy, Johanna Goldschmidt, Else Croner?

Details!

Die Komposition des Stimmenkonzerts aber entschädigt für Mängel. Besonders der letzte Part des Buches, der - wie in einem Gesprächsreigen - Frauen und Männer zu den verschiedensten Paaren verbindet. Die Philosophen Jaspers und Heidegger eröffnen ihn, Letzterer auf der Suche nach der philosophisch-männlichen Kampfgemeinschaft, Ersterer erklärend: Er, Jaspers, denke mit seiner Frau. Gertrud Jaspers, einer Jüdin. Dann Arendt und Jaspers, durch über vierhundert Briefe in vierzig Jahren verbunden. "Sie haben mir die Garantie für die Kontinuität meines Lebens gegeben", schreibt Arendt 1957 aus Amerika an den Freund, dem sie als Gleiche, Jüdin, Philosophin, Frau verbunden war.

Dagegen Arendt und Heidegger. Der schreibt der geliebten Jüdin 1932/33, er sei "in Universitätsfragen heute genauso Antisemit wie vor zehn Jahren", aber das könne "nicht das Verhältnis zu Dir berühren". Und sie schreibt später lakonisch an Jaspers, Heidegger gegenüber habe sie so tun müssen, als könne sie nicht auf drei zählen. Elisabeth Blochmann wird in den Reigen geflochten und die Lyrikerin Mascha Kaléko. Dann der Schluss: der junge Dichter Celan mit der alten Susman, der alten Jüdin Pallas Athene, welche die Katastrophe überlebt hat und ihr in den Worten Celans neu, anders begegnen kann. Mit dem Tod dieser beiden - der Susmans war ein "natürlicher", der Celans nicht - endet das Buch.

Wer Die Jüdin Pallas Athene liest, wünscht plötzlich, Rahel Varnhagen hätte wissen können, dass eines Tages Susman über sie nachdenken würde

wünscht, Luxemburg hätte gewusst, dass bald jemand in ihr eine Geistesverwandte der Arendt erkennt. Wer Hahns Buch liest, sieht das Vergangene einen trügerischen Moment lang nicht als historisch und möchte sich einmischen ins Gespräch.

Aus der Ferne klingt es wie Stimmengewirr. Aus der Nähe aber wie ein Gespräch mit Toten, das nicht möglich ist und dennoch nicht endet.

Barbara Hahn: Die Jüdin Pallas Athene
Auch eine Theorie der Moderne
Berlin Verlag, Berlin 2002, 367 S., 24,- €

 
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