Auch eine Theorie der Moderne nennt Hahn ihren Blick auf das weibliche jüdische Denken und das Denken über die Jüdinnen. "Theorie", das heißt hier wie im Griechischen "Wahrnehmungsweise": Hahn bietet an, die Moderne anders zu sehen, und dafür löst sie die Verallgemeinerungen des systematisierenden Denkens in Argumente, Bilder, Episoden, Erzählungen auf. Darin ist ihre Technik der einer Rahel Varnhagen oder Hannah Arendt verwandt. Und so ist ein Buch entstanden, das ähnlich wie Arendts Arbeiten dem Vorwurf des Unsystematischen kaum entgeht, zudem durch die Stimmenvielfalt in seinen Befunden oft schwebend bleibt. Aber das liegt in der Sache selbst, ist kein Mangel. Was moderne Jüdinnen dachten, wird sich eindeutiger nicht sagen lassen, als es durch Die Jüdin Pallas Athene geschieht.

Hahn sieht diese weibliche Moderne vor dem Hintergrund der Metapher Paul Celans, der im Gedicht Wenn ich nicht weiss, nicht weiss (1968) von der "Jüdin Pallas Athene" spricht. Damit erschafft Celan eine Figur, die in sich heterogene Traditionen verknüpft, die antike Göttin der Klugheit und des Krieges mit dem Judentum, das an den einen und einzigen Gott der Bibel glaubt. Pallas Athene war dem griechischen Mythos zufolge die nicht von einer Mutter, sondern aus dem Kopf des Zeus Geborene, war behelmt und gewappnet, kinderlos.

Im Gedicht Celans nun heißt es von der Jüdin Pallas Athene: "... ein Wort ohne Sinn, / transtibetanisch, / der Jüdin / Pallas / Athene / in die behelmten / Ovarien gespritzt". Die Metapher Celans macht die Jüdin zugleich zur Göttin der Klugheit und Athene zur jüdischen Mutter, sterilisiert, ermordet. "Mutter Rahel / weint nicht mehr. Rübergetragen / alles Geweinte", heißt es in einem anderen Gedicht Celans aus dem Zyklus Fadensonnen von 1968. Das Judentum wird über die Mutter tradiert. Die Klugheit der Athene wird keine Kinder bekommen.

"Aber durch die Bitte der Mutter Rachel, die um ihre Kinder klagt, wird Israel einst erlöst werden", hatte Bertha Badt-Strauss geschrieben, bevor sie Deutschland verließ. Pallas Athene: So wurden Hannah Arendt und Rahel Varnhagen von Freunden genannt, ein Bild der Athene stand auf Heideggers Schreibtisch. Pallas Athene: So nannte Else Lasker-Schüler eine Freundin. Es ist dieses Motiv, das Hahn als ein verbindendes in der Geschichte der intellektuellen Jüdinnen erkennt.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Hahn "die Konstituanten einer Kultur, die Deutschland vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1933 prägte". Die Sprache, das Geschlecht, die Konfession, die politischen Rechte, die Physiognomie, die Nation, die Bildung: Das sind die Themen. Lauter Ungewissheiten bestimmen die Gedanken und Handlungen. Um 1800 erkennt man Juden nicht mehr an den tradierten sichtbaren Zeichen der Ausgrenzung. Kulturelle, konfessionelle, soziale Grenzen geraten in Bewegung, Juden sind noch lange nicht gleichberechtigt, viele konvertieren, die Ausgrenzung bleibt auch für Getaufte zu spüren.

Wer also ist ein Jude, wer eine Jüdin? Sowohl Blumenbach als auch der Anatom Peter Camper erkennen die Juden auf den ersten Blick, nur vermögen sie nicht zu erklären, woran. Eine Sophie von Grotthuß, geborene Sara Meyer, lässt sich taufen, konvertiert wieder zum Judentum, heiratet schließlich erneut christlich und schreibt im Abstand von acht Jahren zwei spektakulär unbeantwortete Briefe an Goethe, über ihre schwierige Biografie. Die Generation der Mütter, von der sich diese Töchter lösen, hatte noch in hebräischen Lettern geschrieben.

Unsicherheiten auch aufgrund der Quellenlage: Frauen, die sich nicht taufen ließen, wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kaum zur Autorin im modernen Sinne und trugen zur schriftlichen Überlieferung nicht bei. Im Jahr 1847 verfasst eine Johanna Goldschmidt - anonym - die fiktive Korrespondenz zwischen einer um Gleichberechtigung kämpfenden Jüdin und einer christlichen Adligen. Goldschmidt ist nicht getauft. Manch eine konvertiert nun zum Judentum: etwa Paula Winkler, die Frau Martin Bubers, die für den Zionismus kämpfen will, doch ihr Mann sieht sie lieber als Mutter. So schreibt sie als Georg Munk Geschichten aus dem katholischen Süddeutschland.