Noch eine Unsicherheit: Um 1800 prägt sich die spezifisch deutsche moderne Geschlechternorm aus (drinnen waltet die züchtige Hausfrau), aber die Jüdinnen scheinen weder ganz zu den rechtlosen Juden noch zu den bürgerlichen Frauen zu gehören. Was ist eine Jüdin? Vielerlei. Ja, die Juden sollen rechtlich gleichgestellt werden, fordert Christian Wilhelm Dohm 1781, aber damit meint er die Männer. Umso mehr redet Anton Theodor Hartmanns Studie Die Hebräerin am Putztische und als Braut von den Frauen. Sie begreift die Jüdinnen als Garantinnen der Überlieferung, als ruhenden Widerpart zu den modischen Europäerinnen. Der Diplomat Brinckmann wiederum rätselt über die spezifische Fremdheit der ägyptisch anmutenden Jüdinnen, die schön wären, wenn sie denn den Griechinnen glichen. Typisch ägyptisch fand er Rahel Varnhagen, dem modernen Mythos zufolge die Repräsentantin der Berliner Geselligkeit um 1800, des Salons.

Den Mythos des Salons aber, nämlich die Vorstellung, "dass es wenigstens einmal ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Juden gegeben haben muss", lässt Hahn nicht bestehen. Zum Mythos gehört es, von den Gästen im Salon Rahels in der Jägerstraße nur solche zu kennen, die ihre jüdische Tradition hinter sich gelassen hatten - obwohl Rahel selbst doch erwähnt, wie präsent ihre Herkunftsfamilie in der Geselligkeit war. Der legendäre Salon erscheint in Hahns Schilderung mehr als ein Wunsch denn als gelungene Realität. Und die Berliner Geselligkeit um 1800 als Forschungslücke.

Eine weitere Unsicherheit: Mit dem fortschreitenden 19. Jahrhundert stellt manche Autorin ihrem nun jüdischen Publikum die Frage, wie Jüdinnen, die doch zur Tradierung ihrer Kultur bestimmt seien, in modernen Gesellschaften unterscheidbar sein können. Die Schriftstellerin Else Croner versteht die Jüdin, und eben nicht die Männer, als "Trägerin einer zweifachen Kultur", aber das hofft sie mehr, als dass sie es feststellt: Denn noch sei "die Jüdin der Gegenwart der komplizierteste, durchgeistigste, aber auch zersplittertste Frauentypus". Die Vermittlung des Heterogenen, im Salon wie einst bei Rahel, gelänge der modernen Jüdin, die Menschen aller Art zusammenzubringen verstünde, besser als anderen. Doch das schrieb Croner, als sich das antisemitische Klischee von der neureichen Salonjüdin schon verfestigt hatte.

Die Hoffnung bleibt in der Schwebe.

Auch Hahns Darstellung schwebt, wenn es um die Frage der Integration des Verschiedenen geht: Sie nennt Zeugen für das Scheitern der sozialen Mischung und für die Verhaftung im je eigenen Milieu

sie nennt aber auch Belege für Salons, in denen ein breites Publikum selbstverständlich ist. Es ist, als gäbe Hahn, je eingehender sie an der Rekonstruktion der verschiedensten Bilder von Juden arbeitet, im Nachhinein die Hoffnung nicht auf, dass ein Zusammenleben unter rechtlich Gleichen doch möglich gewesen sein müsste.

Und die Geschlechter? In ihrem Aufsatz Wandlungen der Frau von 1933 hatte Margarete Susman den Kollaps der alten Geschlechterordnung durch den Weltkrieg festgestellt: "Es zeigte sich: der Mann hatte der Frau gar keine Welt mehr anzubieten