Die sechziger Jahre haben wir als eine Dekade fröhlicher Anarchie in Erinnerung. Die Beatles und die Rolling Stones, Godard und Truffaut, erklärte Hedonisten wie Daniel Cohn-Bendit und Willy Brandt. Miniröcke. Die Anti-Baby-Pille. Turbulente Demos auf dem Kurfürstendamm und auf dem Boulevard Saint-Michel, überwiegend unblutig. Der eiskalte Terror der Siebziger lag noch in weiter Ferne. Es war das Jahrzehnt Dantons, nicht das Robespierres. Liest man den neuen Roman des Franzosen Patrick Modiano, findet man davon nichts. Ertönt einmal aus einer Musicbox A Whiter Shade of Pale, zuckt man irritiert zusammen: Man hätte eher ein uraltes rauchiges Chanson erwartet. Die Menschen wirken hier wie eingemauert in Gesten und Ritualen der Entfremdung. Einen Danton gibt es weit und breit nicht, wohl aber einen verknöcherten Verfasser esoterischer Broschüren, der eine der jungen Heldinnen zur Schreibkraft befördert. Sie schlägt ihn dem Typus des "Soldatenmönchs" zu, wie Hitler oder Robespierre. "Sie verabscheuen die Liebe mit Frauen. Und sie trauen sich nicht, Männer zu lieben. Sie sind schuld daran, daß Kriege ausbrechen."

Zwar bricht kein Krieg aus, aber die Liebe - Make love not war - ist nur eine Chimäre, ein kurzes Aufglühen der großen Illusion vor ihrem Erlöschen. Die Ich-Erzählerinnen der drei Geschichten, die Modiano zu dem Roman Unbekannte Frauen bündelt, tragen keine Namen. Es sind Frauen unter 20, die jüngste ist 16, die sich von ihren Elternhäusern (soweit überhaupt vorhanden) lösen und einen Fuß in die Welt zu setzen versuchen. Sie haben eine Adresse in Paris oder helfen ihrer Tante in der Provinz beim Putzen in fremden Villen. Der Zutritt zur Welt der Erwachsenen wird von Männern verwaltet. Typen, denen junge Frauen überall begegnen können, in einem Pariser Café, in der Gesellschaft von Freunden, an einem potenziellen Arbeitsplatz. "Sie haben ein ganz hübsches Profil ...", sagt ein Mann mit Habichtsaugen zu der 19-Jährigen in Lyon, die Mannequin werden möchte. Nachdem er sich an ihrem hübschen Profil satt geglotzt hat, entscheidet er, es täte ihm leid, er könne sie nicht einstellen. "Er trug einen marineblauen Anzug und dunkle Wildlederschuhe. Manchmal stößt er in meinen Träumen die Tür auf, kommt herein, und auch nach dreißig Jahren sind seine Haare immer noch gleich schwarz."

Monsieur muss beiläufig sterben

Die Schönheit, die man den jungen Frauen allenthalben attestiert, hebt ihr Selbstvertrauen nicht. Sie gehen mit Männern ins Bett, weil es sich so ergibt und weil sie sich der Einsamkeit bewusst sind, die die Männer, stets auf Distanz bedacht, nicht zugeben. Alles in allem handelt es sich eher um eine sexuelle Konterrevolution. Haben die Typen ihren charmanten Tag, sagen sie schon mal etwas in der Art von: "Wenn Sie müde sind, nehmen wir an der Place de l'Etoile die Metro." Die Metro-Verheißung ist einer der wenigen Sätze, die in der Erinnerung der Erzählerin noch Jahrzehnte später nachhallen. Ein warmer, tröstlicher Satz, gesprochen von Guy Vincent, der in Wirklichkeit Alberto Zymbalist heißt (aber klingt das nicht erst recht erfunden?) und geheimnisvollen Geschäften nachgeht. "Bestimmt übte er einen Beruf aus", sinniert die Erzählerin. Guy zeigt keine Gefühle und vermeidet brüske Bewegungen. Im Hotelzimmer küsst er das Mädchen immerhin. "Ich wußte nichts von ihm, aber das hatte keinerlei Bedeutung. Meine ganze Angst und meine Schüchternheit waren verschwunden, und es war mir vollkommen gleichgültig, daß er den Lüster brennen ließ, ich hätte gern ein noch grelleres, noch härteres Licht gehabt, um die Schatten zu verjagen."

Patrick Modiano beherrscht die Komposition von Licht und Schatten - das Licht der Realität und die Schatten der Psyche - inzwischen so traumwandlerisch sicher wie sein Lehrmeister Emmanuel Bove. Im vorletzten Roman Aus tiefstem Vergessen, der ebenfalls in den Sechzigern spielt, war das schon erkennbar, in Unbekannte Frauen verdichtet sich der Eindruck. Man könnte meinen, Modiano verkläre seine jungen Protagonistinnen, gerade im Kontrast zur Unreife und sexuellen Verklemmtheit der Männer

aber diese jungen Frauen sind keine Unschuldsengel. Eine von ihnen greift sogar zum letzten Mittel: Sie erschießt einen Mann, der sie in eine Falle gelockt hat und offenbar vergewaltigen will. Nicht etwa als schrille Pointe ist das inszeniert, sondern überaus beiläufig: "Ich habe Monsieur mit dem ersten Schuß getötet." Monsieur - noch im späten Rückblick auf das Ereignis bleibt die Dienstmädchenperspektive gewahrt.

Das Leben dieser jungen Frau ist mit der blutigen Tat zunächst einmal erledigt. Das harte, grelle Licht der Wirklichkeit ist in ihre Existenz eingedrungen, aber es hat die Schatten nicht verjagt. Der Moment, da ein Mann - irgendeiner - den Arm um die Schulter des Mädchens legt, ist geeignet, die Angst aufzulösen und die Illusion zu erwecken, das Leben könne nun eine neue Richtung nehmen. "Die Zeit, wo alles noch in der Schwebe ist, wo man am Rand von allen Dingen steht, wie in einem Warteraum, die wäre für mich nun vorbei." Doch ebendieser Schwebezustand endet nicht - es sei denn durch tödliche Gewalt. Modiano fixiert ihn in seiner Prosa