Man spürt die Schläge im Gebälk
In seinem Film "Der Felsen" erzählt Dominik Graf eine Liebesgeschichte in der Möglichkeitsform. Der Regisseur im Gespräch über die Kunst der Überhöhung, deutsche Genreversuche und die Radikalität des Kommerziellen
die zeit: Der Felsen ist Ihr erster Kinofilm seit acht Jahren. Man hat das Gefühl, dass Sie da plötzlich etwas durchziehen wollten.
Dominik Graf: Das Gefühl habe ich allerdings auch.
zeit: Eine junge Frau wird während des Urlaubs auf Korsika von ihrem Geliebten verlassen und verliert jeden Halt. Gemeinsam mit Ihrem Film überlassen Sie sich ganz und gar dieser Bewegung des Driftens.
Graf: Der Grundgedanke war, dass man Deutsche im Urlaub noch schonungsloser und kammerspielartiger in Szene setzen kann. Ich wollte Karoline Eichhorns Figur in diese Mischung aus Natur und Ballermannstimmung entlassen.
Vielleicht hätte sie auch in Deutschland gefunden, wonach sie sucht, aber auf der Insel erscheint alles stärker, schärfer, klarer. Sich in einen straffälligen Jugendlichen zu verlieben wäre ihr zu Hause, innerhalb der sozialen Bindungen wahrscheinlich nie passiert. Es ist diese Haltlosigkeit, die erst die große Liebesgeschichte zwischen ihr und Antonio Wanneck ermöglicht. Die Liebe der beiden ist nicht zu trennen von der seltsamen Topografie dieser Insel, die aus einem dünnen Streifen Ferienirrsinn an der Küste und dem schroffen Gebirge im Innern besteht.
zeit: Der auf ein Inselcamp verschickte Junge und die verlassene Frau. Sie ziehen ihren Figuren gerne den Boden unter den Füßen weg.
Graf: Das hängt vielleicht mit der ziemlich illusionslos aufgewachsenen Nach-68er-Generation zusammen, zu der ich gehöre. Ich finde es faszinierend, wenn Kinofiguren ihr Leben erst mal wieder zusammenraffen müssen. Auch an den Figuren von Wanneck und Eichhorn interessieren mich ihre versuchten Idyllen, ihre verzweifelten Familienkonstruktionen, die Zusammenbrüche ihrer Lebensvorstellungen. Beide befinden sich in einem Ausnahmezustand, und genau deshalb treiben sie geradezu schicksalhaft aufeinander zu.
- Datum 18.07.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30/2002
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