Novelle Vogel- oder Froschperspektive?
Michael Köhlmeier erneuert auf wunderbare Weise ein altes Motiv: Die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit.
Warum der junge Mechaniker Emilio Zanetti seinen Nachbarn ins Koma geprügelt hat, weiß niemand. Auch der Leser dieser hintersinnigen Novelle wird den Grund nicht erfahren. Dafür aber ist er von Anfang an dem Sog einer unerhörten Begebenheit ausgeliefert. Ihr Schauplatz ist das kleine Hohenems in Vorarlberg, das vertraute Köhlmeier-Gelände also, das sich diesmal im Zeitkolorit der fünfziger Jahre präsentiert. Der Ich-Erzähler, der die Geschichte in einem lakonisch-dezenten Berichtstil erinnert, war damals zehn.
Und Emilio, der geschickte Reparateur, in dessen Werkstatt er sich glücklicher fühlte als sonstwo auf der Welt, war sein großes Vorbild - bis zu dem Tag, als die "Katastrophe" hereinbrach.
Der bisher unbescholtene Emilio wurde in eine tätliche Auseinandersetzung verwickelt und muss nun vor Gericht. Bei der Überstellung an den Untersuchungsrichter gelingt ihm aber die Flucht. In seiner Verzweiflung klettert er auf den obersten Arm eines Hochspannungsmastes: über ihm nichts als der dräuende Himmel, 60 Meter unter ihm das Polizeiaufgebot und die rasch anwachsende Menge der Schaulustigen. "Es war eine Schreierei. Und ein Gelächter. Wenn man die Augen zumachte, hätte man meinen können, einer rennt um die Wette, und die anderen treiben ihn an."
Wer in Michael Köhlmeiers straff geformter Prosa nach polemischen Anspielungen auf die Spektakelsucht und Sensationsgier unserer Tage sucht, wird sie finden. Indes strebt der Autor kein gesellschaftskritisches Buch an.
Eher schon eine kleine prägnante Psychostudie. In deren Mittelpunkt steht das kindliche Erzähler-Ich, der ins dramatisch sich zuspitzende Handlungsgeschehen gebannte Knirps. Zwar erfahren wir nicht, wie er heißt, doch umso mehr, was er leidet. Denn je näher die Ereignisse geschildert werden, desto tiefer sehen wir in seine Seele, die am Ende des erzählten Unglückstags einen fürchterlichen Riss zeigt. Wie Emilio nämlich, der sein "einziger Freund" war, plötzlich zum gejagten Bösewicht wird, wie die Hohenemser, die Eltern des Erzählers eingeschlossen, den Mann auf dem Mast in Acht und Bann tun, wie aus einem Idol der Idiot wird - das alles gewahrt der Erzähler mit dem entgeisterten Blick des Kindes, dem sich zum ersten Mal die fremde, abgründige Realität der Erwachsenen auftut. "Etwas Schiefes war in mir. Als hätte sich eine Seite für alle Zeit vom Boden losgerissen." So artikulieren sich der schmerzliche Verlust der Unschuld, die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit und die jähe Einsicht ins Unvermögen der Welt.
Gewiss, das Thema ist nicht eben neu. Aber selten so subtil und empfindsam variiert worden wie in dieser kurzen, hellen Erzählung.
- Datum 20.09.2007 - 04:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30/2002
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