G E S E L L S C H A F T Der Prügelknabe
Nicht Mädchen, sondern Jungen werden in Schule und Elternhaus benachteiligt. Doch die Erkenntnis setzt sich bei Pädagogen nur zögernd durch
Die Klasse ist außer Rand und Band. Eine Gruppe johlender Schüler hat einen Kreis gebildet, in deren Mitte zwei Jungen aufeinander einprügeln. Das geht schon ein paar Minuten so, und der Kleinere zeigt Schwächen. Er kassiert ohne Unterbrechung kräftige Schläge auf den Rücken, versucht, seinem überlegenen Gegner zu entkommen. Aber es gibt kein Entrinnen aus der Arena, und der Lehrer schaut zu - bis ein Gong der Klopperei ein Ende macht. Und siehe da: Die Gegner schütteln sich die Hand und reihen sich friedlich in den Kreis der anderen ein. Jetzt wird der Kampf besprochen. War er fair? Wurden Regeln eingehalten? Warum hat der Sieger nicht aufgehört, als klar war, dass er gewonnen hatte? Der "Ringkampf nach Regeln" gehört zu einem Projekt, das der Tübinger Sozialpädagoge Reinhard Winter in Baden-Württemberg organisiert. Die Jungen sollen erfahren, wie es ist, Opfer zu sein und Angst vor anderen zu haben. Gleichzeitig lernen sie, so Winter, "die lust- und machtvollen Seiten der Gewalt" kennen.
Jungen in der Schule das Prügeln beibringen, das klingt genauso befremdlich wie das langfristige Ziel des Projektes: Jungen in der Schule zu ihrem Recht kommen zu lassen. Bisher nämlich schien es eine pädagogische Gewissheit, dass die Schule Mädchen benachteiligt. Das vernachlässigte "katholische Arbeitermädchen vom Land" musste jahrzehntelang als Symbolfigur für die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems herhalten. Feministisch inspirierten Reformpädagogen gilt die Mädchenförderung bis heute als besonderes Anliegen.
Doch die Förderung richtet sich an die falsche Adresse. Zahlen und Fakten belegen: Mädchen machen heute häufiger Abitur als Jungen. Sie bleiben seltener sitzen und haben im Schnitt bessere Noten. 55 Prozent der Hauptschüler sind Jungen, in den Sonderschulen verfügen sie sogar über eine Zweidrittelmehrheit. Das Schulsystem benachteiligt die Jungen.
Mädchen können besser lesen
"Schulversagen ist vor allem ein Jungenproblem." Darauf hat der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz bereits vor Jahren aufmerksam gemacht. Die Pisa-Studie hat ihn nun bestätigt. Zwar schneiden Mädchen in Mathematik und den Naturwissenschaften (außer in Biologie) immer noch schlechter ab. Aber die Leistungsunterschiede fallen relativ gering aus. Ganz anders im Lesen, der Basiskompetenz allen Lernens in der Schule: Hier lassen die Mädchen die Jungen weit hinter sich, nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Sind Mädchen also schlauer? Nicht unbedingt.
Schulforscher wie Preuss-Lausitz weisen vielmehr darauf hin, dass sich die Anforderungen an die Schüler verändert haben und heute andere Qualitäten zählen als noch vor 30 Jahren. Und die sind in erster Linie weiblich. Mädchenstärken wie Sprachbegabung, Lesefreude, Kommunikationstalent und Teamfähigkeit gelten als Schlüsselqualifikationen für eine erfolgreiche Bildungskarriere. Dagegen werden traditionelle Jungendomänen wie Naturwissenschaften und Technik für die Karriere vermutlich überschätzt.
Jungen gelten als gefährlich
Schlimmer noch: Jungen werden allein aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Der US- Bestsellerautor William F. Pollack (Richtige Jungen), Männerforscher an der Harvard Medical School, macht eine Abwehrhaltung gegenüber Jungen in der Schule aus. "Da der Mythos, dass Jungen gefährlich sind, nach wie vor in vielen Schulen tief verwurzelt ist, nehmen Lehrer und Aufsichtspersonen ihnen gegenüber oft eine beinahe feindselige Haltung ein." Auch der Tübinger Reinhard Winter meint, dass Jungen ein schlechtes Image haben. Als er mit seinem Kollegen Gunter Neubauer Erwachsene nach ihrem Jungenbild befragte, war das Ergebnis fatal. Sie werden als sozial und sexuell inkompetent, kommunikationsunfähig und schwach im Bewältigen von Konflikten beurteilt. Sie gelten als problematisch, ihr Verhalten erscheint aufgesetzt. Positive Eigenschaften, die einen "guten Jungen" ausmachen, kamen dagegen kaum vor.
In der Schule schlägt sich diese Abwertung unbewusst unter anderem darin nieder, dass Jungen schlechtere Zensuren bekommen - auch wenn sie die gleiche Leistung erbringen. Das hat der Erziehungswissenschaftler Rainer H. Lehmann bei einer Untersuchung in Hamburg gezeigt: Bei dem für die Schulkarriere entscheidenden Übergang von der Grundschule zum Gymnasium werden deutlich mehr Mädchen vorgeschlagen, was "allenfalls teilweise durch ein höheres Leistungsniveau begründet werden kann".
Über die Ursachen der versteckten Diskriminierung stellt Lehmann nur vorsichtige Vermutungen an. Es sei möglich, dass eine "schulkonformere Einstellung" der Mädchen ihren Schulerfolg begünstigt. Im Klartext: Sie sind im Unterricht pflegeleichter und angenehmer für die Lehrer. Nur scheinbar dazu im Widerspruch steht die Tatsache, dass Jungen von Lehrern deutlich mehr beachtet werden. Jungen erhalten in der Regel zwei Drittel der Aufmerksamkeit des Unterrichts. Sie bekommen mehr Lob und mehr Tadel, Pädagogen geben ihnen mehr Blickkontakt und Rückmeldungen als Mädchen. Bislang wurde dieses Lehrerverhalten als Benachteiligung von Mädchen ausgelegt. Aber es lässt sich auch ganz anders deuten: als eine Art Zwangsreaktion der Lehrer auf das auffällige Verhalten von Jungen. Sie reden im Unterricht öfter und länger als Mädchen, sie unterbrechen häufiger, rufen wesentlich mehr ungefragt dazwischen. Sie erzwingen Aufmerksamkeit - positiv wie negativ - und werden deshalb weniger als Leistungsträger denn als Störenfriede empfunden.
Dass Jungen eine Rolle spielen, die nicht mehr gefragt ist, zeigt sich besonders beim Thema Gewalt. "Was noch vor 20 Jahren als Rauferei auf dem Schulhof durchgegangen wäre, ist heute ein Gewaltvorfall", sagt Reinhard Winter. Anders als Schüler verstehen Lehrer auch Spaßkämpfe oder verbale Attacken als gewalttätige Handlungen - und verurteilen sie dementsprechend. Damit würden sie eine Art, Konflikte zu regeln, die in einem bestimmten Alter für Jungen typisch ist, "in der Tendenz diffamieren".
Es ist nicht lange her, da wusste jeder genau, wie ein "richtiger" Junge zu sein hat: mutig, durchsetzungsfähig, aufmüpfig. Die ritualisierten Prügeleien zwischen den roten und den weißen Rosen in Astrid Lindgrens Kalle Blomquist (mit dem Ausnahmemädchen Eva Lotta), die Titanenschlacht zwischen den Realschülern und Gymnasiasten in Erich Kästners Fliegendem Klassenzimmer (diesem Lehrstück gelungener Jungenpädagogik), der gnadenlose Zweikampf zwischen Tom Sawyer und dem neuen Jungen im Städtchen: Wilde Kämpfe gehörten zum Jungesein dazu.
Jungen fallen aus der Rolle
Das Erziehungsziel der dazu passenden "schwarzen" Pädagogik bestand zum Teil darin, aus dem "Rohmaterial Junge" mit Strenge - heute sagen wir: mit Gewalt - "ganze Männer" zu formen. Diese Art von Erziehung ist zum Glück so gut wie ganz aus den Schulen verschwunden. Allerdings mit der Folge, dass damit auch den Jungen ein Teil ihrer Identitätsbasis unter den Füßen weggezogen wurde. Wer sich heute auf dem Schulhof oder in der Klasse der traditionellen Jungenrolle gemäß aufführt, wird von Lehrern als aggressiv und sozial defizitär empfunden und entsprechend behandelt.
Wie aber sollen sie sein, wenn die Vorbilder Tom oder Kalle nicht mehr gelten? Die Jungen wissen es oft selbst nicht: "Machogehabe find ich blöd, deshalb kann ich wirklich nicht sagen, was ich männlich finde", zitiert Winter einen von ihm Interviewten. Das gewandelte Geschlechterverhältnis macht sich besonders in einer Phase bemerkbar, in der Jungen ihre Männlichkeit das erste Mal ausprobieren, in der Pubertät. Schon biologisch sind Mädchen ihnen voraus. Jeder Blick in eine gemischte Klasse von 12- und 13-Jährigen zeigt die mitunter grotesken Entwicklungsunterschiede zwischen den körper- und Outfit-bewussten Power-Girls und ihren oft noch tapsig-kindlich wirkenden Klassenkameraden.
Früher konnten Jungen die Eigenarten der Mädchen noch als "Weiberkram" abtun. Heute müssen sie die Erfahrung machen, dass die als weiblich diffamierten Fähigkeiten nicht nur als "richtig" gelten, sondern auch eine starke Konkurrenz für die Zukunft verheißen. Als Frauen nach dem Schulabschluss größtenteils in der Familie verschwanden, waren sie nicht sonderlich bedrohlich für die männliche Karriereplanung. Jetzt aber sind sie - aus Jungensicht - zu Rivalinnen geworden.
Wenn Jungen dann aus Trotz und Ratlosigkeit noch mal einen draufsetzen, wird in den Augen von Eltern, Lehrern und Psychologen aus der Störung leicht eine Gestörtheit. Das Zappelphilippsyndrom ADS wird wesentlich häufiger bei Jungen diagnostiziert. Seelische Krankheit als Folge einer Pädagogik, die eines nicht wahrnimmt: Jungen sind anders, folglich lernen sie anders und brauchen einen anderen Unterricht. Vor allem brauchen sie Bewegungsfreiheit. Sie leben stärker nach außen, körperlich wie seelisch. Sie lernen weniger passiv, durch Zuhören, als durch eigene Aktionen und durchs Experimentieren.
Doch eine besondere Jungenpädagogik gibt es nicht - ebenso wenig wie eine für Mädchen. Die Schule nimmt auf die Lernstile keine Rücksicht. Und es wird so getan, als spielten sich Unterricht und Wissensvermittlung im geschlechtsfreien Raum ab; man ignoriert, dass Erziehung überwiegend in weiblicher Hand liegt. Frauen dominieren in den Kindergärten (95,4 Prozent), den Grundschulen (84,7), den Hauptschulen (53,1), den Sonderschulen (72,5) und den Realschulen (60,9). Nur bei den Gymnasien ist die Geschlechterverteilung ungefähr gleich (47,6), wobei die meisten männlichen Lehrer hier die Oberstufe, also junge Erwachsene, unterrichten. In der Welt von vielen Jungen, die bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen, kommen Männer so gut wie überhaupt nicht vor. Dabei brauchen Jungen männliche Bezugspersonen und Vorbilder, wissen die Psychologen. Der hannoverische Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann kennt das Problem aus seiner Praxis: "Wenn ein Mann auftaucht, dann klammern besonders die kleinen Jungs." Sie sehnen sich nach "guter" Autorität, nach klaren Abmachungen und fairen Sanktionen. Damit überfordern sie jedoch die "modernen" Väter und Lehrer, die gelernt haben, dass Autorität Teufelswerk sei.
Auch Väter brauchen Hilfe
Mancher Vater hört mit fassungslosem Staunen, wie sein renitenter Schlaffi sich im Kampfsportkurs vom Trainer schinden lässt und ohne zu murren 30 Liegestütze fürs Zuspätkommen absolviert. Wenn Bergmann kleine Jungen therapiert, dann berät er die Väter gleich mit, schon aus der Sorge heraus, dass diese von einem Extrem ins andere fallen. "Autoritär wird in Deutschland gleichgesetzt mit Kleinmachen und Draufhauen, und nichtautoritär heißt Heiteitei und heile Welt. Beides ist für Kinder die Hölle."
Schon wird unter Fachleuten diskutiert, ob es nicht sinnvoller sei, Jungen und Mädchen wieder getrennt zu unterrichten. Bei der Förderung von Mädchen hat sich die Strategie bereits bewährt. Jungenprojekte gibt es dagegen nur sehr wenige. So können spezielle Lesekurse für Jungen durchaus erfolgreich sein, wie William F. Pollack am Beispiel einer englischen Schule beschreibt. Warum sollen Jungen und Mädchen im Deutschunterricht je nach Entwicklungsstand und Interessen nicht einmal unterschiedliche Bücher lesen?
Ebenso nötig ist es, mehr Männer an der Bildungs- und Erziehungsarbeit zu beteiligen. Den "Quotenmann in Kindergärten und Grundschulen" fordert die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin - auch wenn niemand weiß, wo er herkommen soll. Vor allem aber wird viel davon abhängen, dass Eltern und Pädagogen nicht jede Form von Interaktion als Aggression oder gar gefährlichen Ausbruch von Gewalt interpretieren.
Den Jungen von heute gerecht werden - das klingt so einfach und ist so schwer umzusetzen. Die Literatur ist auch diesmal der Pädagogik einen Schritt voraus und lieferte das Modell einer zeitgemäßen Jungenidentität: Widrigkeiten aushalten, Probleme mit Köpfchen, Kampfgeist und Freunden lösen, eine Sonderrolle spielen, ohne ein Angeber zu werden - auf Kalle Blomquist und Tom Sawyer folgt der zauberhafte Harry Potter.
[DIE ZEIT] Schulbildung und Bildungspolitik in Deutschland Ein Online-Spezial in vier Teilen mit Artikeln aus der ZEIT und weiterführenden relevanten Internet-Adressen
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