Frankreich Abschied vom Staatsadel

Elitendämmerung in Frankreich - die auserlesenen Zöglinge der Nationalen Verwaltungsschule ENA dominieren nicht länger die Regierung

Politiker seines Schlages, die immer schon ein wenig altmodisch wirkten, schienen sich mit Antoine Pinay, dem Erfinder des neuen Franc, oder spätestens mit dem gewitzten und so fröhlich falsettierenden Raymond Barre, zuletzt Bürgermeister der Stadt Lyon, von der großen Bühne Frankreichs verabschiedet zu haben - letzte Vertreter einer Spezies, die bis zum Zweiten Weltkrieg Frankreichs Dritte Republik geprägt hat.

Ihr folgte ein völlig neuer Politikertypus: der elitäre Intellektuelle, Zögling der École Nationale d'Administration (ENA), deren Eleven zuletzt fast jedes wichtige Ministerium der Regierung des Premiers Lionel Jospin besetzt hatten. Doch auch ihre Ära geht, so scheint es, nun zu Ende.

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Der rundliche neue Premierminister Jean-Pierre Raffarin mit den fallenden Schultern und dem ausdauernden Lächeln, der die Bescheidenheit wie eine unvergoldete Monstranz vor sich her trägt - nein, er wäre kaum denkbar als ENA-Absolvent. Raffarin verzeichnet in seiner Vita Studien an der juristischen Fakultät der Universität Paris-Assas und ein Diplom der Pariser Handelshochschule. Er gilt als ein gewiefter Experte moderner Marketing- und Kommunikationsstrategien. Seine politische Karriere - unter den Fittichen des Expräsidenten und liberalen Parteichefs Giscard d'Estaing - vollzog sich höchst geordnet: vom Stadtrat in Poitiers über die Präsidentschaft des Regionalrates von Poitou-Charentes im Südwesten des Landes zum Europäischen Parlament und schließlich zum Senat.

Der dramatische Abgang von Lionel Jospin, der sich nach dem Wahldebakel wie eine tief gekränkte Diva brüsk aus der Politik zurückzog, hat das Verlangen der Franzosen nach unprätentiöser Alltäglichkeit à la Raffarin mächtig gestärkt. Dessen "Normalität", die den misstrauischen Franzosen ein Gefühl der Verlässlichkeit vermittelt, empfahl ihn dem rastlosen Hausherrn im Elysée nach seiner Wahl als den nahezu idealen Regierungschef.

Kein schrofferer Gegensatz lässt sich denken: der brav-katholische Familienvater aus der Provinz und der intellektuell etwas hochfahrende atheistische Protestant Jospin, der seine trotzkistische Vergangenheit vor den letzten Präsidentschaftswahlen strikt verleugnet hatte - bis die Beweise auf dem Tisch lagen. Kopfschüttelnd fragten sich seine Freunde und Gegner, warum der Bürgersohn Jospin - unter dem nom de guerre Michel - an seiner ultralinken Sektenzugehörigkeit so lange Jahrzehnte festklebte, selbst noch, als er 1981 zum Generalsekretär der Sozialistischen Partei aufgestiegen war. Der Schatten der Fragwürdigkeit, der durch Jospins Lügereien und die finanziellen Machenschaften des einstigen Parteichefs Chirac auf die beiden höchsten Staatsämter fiel, nährte die Skepsis, mit der eine wachsende Zahl der Franzosen der politischen und auch der ökonomischen Führungsschicht des Landes begegnet: Aus ihr mag sich - wenigstens zu einem Teil - die wachsende Wahlverweigerung erklären.

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