Atomkraft - tschüs, danke!
Kürzlich stellte die Enquete-Kommission "Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und der Liberalisierung" des Deutschen Bundestages ihren Abschlussbericht vor - und dabei brach der alte Streit um die Atomkraft wieder auf: Rot-Grün dagegen, Schwarz-Gelb dafür. Die Befürworter halten den weiteren Betrieb und den Ausbau der Atomenergie für notwendig. Vor allem wegen des Klimaschutzes, außerdem sei die Kernenergie wirtschaftlicher und diene der Versorgungssicherheit.
Aber stimmt das auch? Was steckt wirklich hinter der positiven Bewertung der Atomenergie?
Fakt ist, dass die Energieversorgungsunternehmen (EVU) mit der rot-grünen Bundesregierung freiwillig einen Konsens über die Abschaltung der heute in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke (AKW) in Deutschland vereinbart haben. Fakt ist auch, dass es heute in Deutschland kein EVU gibt, das den Neubau eines AKW plant - insbesondere wegen der fehlenden Wirtschaftlichkeit von neuen Kernkraftwerken. Die hohen Investitionskosten und die damit verbundene langfristige Kapitalbindung machen die Atomenergie gegenüber Kohle- und Gaskraftwerken unwirtschaftlich.
Die Atomenergie hat aber auch deshalb keine Zukunft, weil es derzeit kein für den Neubau genehmigungsfähiges AKW-Konzept gibt. Dafür ist übrigens nicht die derzeitige Bundesregierung verantwortlich. Vielmehr hat die ehemalige Bundesumweltministerin Angela Merkel mit ihrer Atomgesetznovelle die Sicherheitskriterien so festgelegt, dass bei keinem denkbaren Unfall in einem AKW Evakuierungsmaßnahmen in der Umgebung notwendig werden dürfen, um die Grenzwerte für die Strahlenbelastung der Bevölkerung einhalten zu können.
Dies bedeutet faktisch den inhärent sicheren Reaktor - den es aber auf der ganzen Welt nicht gibt. Ob diese Sicherheitskriterien von dem derzeit in Entwicklung befindlichen Europäischen Druckwasserreaktor eingehalten werden, ist eher zweifelhaft. Klar ist indes: je mehr Sicherheit, desto schlechter die Wirtschaftlichkeit der Anlagen.
Auch angesichts der Terroranschläge vom 11. September muss die Sicherheit von Kernkraftanlagen neu bewertet werden. Atomkraftwerke, aber auch Wiederaufbereitungsanlagen oder Zwischenlager, stellen ein hohes Gefährdungspotenzial dar. Es geht hier nicht um die Entwicklung von Katastrophenszenarios, sondern um die nüchterne Betrachtung der Fakten. So ist beispielsweise das vormals in Risikostudien unterstellte Täterprofil von Terroristen mittlerweile obsolet: Es ging davon aus, das der Täter in die Anlage eindringt, den Anschlag verübt - und überlebt. Selbstmordattentäter waren nicht vorgesehen!
Doch lassen wir die Gefahr von Terroranschlägen außer Acht: Soll die Atomenergie einen wirksamen Beitrag für den weltweiten Klimaschutz leisten, so muss sie auch weltweit einsetzbar und verfügbar sein.
Dies bedeutet, dass neben den heutigen Leichtwasserreaktoren auch Schnelle Brüter zum Einsatz kommen müssen, was wiederum den massiven Ausbau von Wiederaufbereitungsanlagen voraussetzt, da auch das Uran nur in begrenztem Umfang zur Verfügung steht. Einigkeit besteht aber über Folgendes: Um die Risiken der Atomenergie zu minimieren, ist eine hoch entwickelte Sicherheitskultur erforderlich, sowohl bezüglich der technischen Rahmenbedingungen als auch bezüglich der politischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Umstände. Und zwar über für Menschen nicht kalkulierbare Zeiträume. Der Zerfall der Sowjetunion zeigt, wie schnell und mit welch fatalen Auswirkungen für die nukleare Sicherheit sich die Rahmenbedingungen ändern können.
Bei nüchterner Betrachtung spricht allzu viel gegen den weiteren Einsatz von Atomkraftwerken. Dies insbesondere deshalb, weil es Alternativen gibt, die in allen Regionen der Welt mit vertretbarem Risiko eingesetzt werden können. Dass diese Alternativen auf absehbare Zeit nicht nur auf regenerativen Energiequellen beruhen werden, ist übrigens auch ein Fakt. Die Nutzung von fossilen Energieträgern in hoch effizienten Anlagen und Kraftwerken wird noch auf lange Zeit erforderlich sein und die Basis unserer Energiesysteme bilden, weshalb die kleinkarierte nationale Diskussion über die Subventionen zwischen den Vertretern der Kohle und denen der regenerativen Energieträger völlig kontraproduktiv und schädlich ist.
In den nächsten 20 Jahren muss in Deutschland rund ein Drittel der Kraftwerksleistung erneuert werden. Dieser immense Investitionsblock bietet die Chance, das Energieversorgungssystem wirklich intelligent umzubauen. Darüber lohnt es viel mehr nachzudenken als über die Wiederbelebung der Atomenergie.
Stephan Kohler ist der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur
- Datum
- Quelle
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





