D E R   G I P F E L   D E R   W E L T   (1) Vorsicht, Globalisierungslügner!

Mit einer Mischung aus Staat und Markt sind die reichen Industrienationen zu ihrem Wohlstand gelangt. Diesen Weg verwehren sie heute den Entwicklungsländern, indem sie überall in der Dritten Welt auf offene Grenzen pochen

 

ZEIT-Grafik: C. Schaefer
Quelle: Weltbank

Armut verkauft sich gut. Wenn einer sagt, die Reichen seien noch nicht reich genug, hört ihm keiner zu. Aber wenn während irgendwelcher Wirtschaftsgipfel junge Leute durch die Straßen laufen, im Kampf gegen das Elend in Lima, Lagos und Jakarta, dann kommen Zehntausende mit. Dann antworten Konzernchefs und Finanzminister, auch ihnen läge nichts näher, als den Hunger zu mindern. Dann buhlen Steinewerfer und Anzugträger auf einmal um die Freundschaft derselben 1,2 Milliarden Menschen. So hoch beziffert die Weltbank die Zahl derer, denen nicht einmal ein Dollar am Tag zum Leben bleibt. "Die Armen dieser Welt stehen inzwischen im Mittelpunkt der Globalisierungsdebatte", sagt der Ökonom Dani Rodrik von der Harvard-Universität.

Das ist insofern seltsam, als die Kinder in der Dritten Welt auch vor zehn Jahren schon arm waren. Damals mussten sogar 1,3 Milliarden Menschen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Aber im Norden interessierte das kaum jemanden - abgesehen von den Kirchen und einigen Hilfsorganisationen. 1992 fand in Rio de Janeiro die große Weltkonferenz Umwelt und Entwicklung statt, aber wer damals Teil einer Jugendbewegung sein wollte, sorgte sich weniger um Armut als um die Sicherheit der Atomkraftwerke.

Vorbei. Ende August trifft sich die Welt in Johannesburg zur Folgekonferenz Rio plus 10, und plötzlich rollt das, was Jörn Kalinski von der Hilfsorganisation Oxfam "eine neue Welle des Interesses" nennt: Diplomaten wie Demonstranten - alle reden von Armut und Gerechtigkeit. Als ob die Welt sich verändert hätte.

Sie hat sich verändert. Wo einst der angelsächsische Freimarkt, die deutsche soziale Marktwirtschaft, der skandinavische Wohlfahrtsstaat und der japanische Korporatismus nebeneinander existierten, machte sich in den vergangenen Jahren der Glaube breit, es gäbe unter den Wirtschaftssystemen so etwas wie einen Big Mac: ein allen Konkurrenten überlegenes Einheitsprodukt, das jedem schmeckt, überall auf der Welt gleich aussieht und alle Menschen satt macht.

Dieser Glaube fand seinen Ausdruck in den Kreditauflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, in den Vereinbarungen der Welthandelsorganisation (WTO) - und nach Angaben der Vereinten Nationen allein in den neunziger Jahren in weltweit 1200 Gesetzen und Verordnungen. Mit jedem dieser neuen Paragrafen veränderten die Regierungen den Regulierungsgrad ihrer Volkswirtschaften. Und egal, ob Amerika, Europa, Afrika oder Asien - in 95 von 100 Fällen war das Ziel dasselbe: deregulieren und liberalisieren. Die Grenzen öffnen für ausländische Güter und Kapital! Das kann man Globalisierung nennen. Aber auch einfach: freie Marktwirtschaft weltweit.

Oder: Turbo-, Casino- und Raubtierkapitalismus. Um diese Wörter mit Leben zu füllen, haben die Demonstranten von Seattle und Genua die alten Armutszahlen neu entdeckt, die ihnen zu Zeiten des streng regulierten Marktes ein schlechtes Gewissen bereiteten, aber nichts weiter. "Aus Antikapitalisten sind Antiglobalisierer geworden", meint Jagdish Bhagwati, Ökonom an der New Yorker Columbia-Universität. Demnach fühlen sich Globalisierungsgegner weniger durch den alljährlichen Tod von rund zehn Millionen Kindern provoziert, deren Eltern das Geld für Medikamente fehlt. Sondern eher von einer Wirklichkeit gewordenen Vision. Von der Entfesselung der Marktkräfte.

Den Menschen in Lateinamerika, Afrika und Asien kann solcherlei Scheinheiligkeit allerdings egal sein. Wichtig für sie ist, dass die aus dem Norden endlich nach Süden schauen. Zwar ist der klaffende Unterschied zwischen Arm und Reich seit Jahrzehnten in der Welt, ihn aber als normal zu deklarieren - das traut sich niemand. So sind die Armutszahlen zu einer Art ökonomischen Tachometer geworden: Ihre Veränderung zeigt an, ob der globale Kapitalismus seine sozialen Versprechen hält.

Zwischen 1980 und 1995 erhöhte sich das Gesamtvermögen der 100 größten transnationalen Konzerne dieser Welt um 700 Prozent. Jetzt müssen sich die Konzernchefs die Frage gefallen lassen, wem das hilft: Ist die Globalisierung, ist die weltweite Befreiung der Marktkräfte der rechte Weg, die Armut in der Welt zu mindern?

Auf den ersten Blick lautet die Antwort: Nein! Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die Globalisierung so richtig in Schwung kam, und die Neunziger waren für die meisten armen Länder eine lange Enttäuschung. Der Abstand zwischen Erster und Dritter Welt wuchs weiter. In Lateinamerika lag das Wirtschaftswachstum deutlich unter dem Durchschnitt früherer Jahre. In großen Teilen Osteuropas war das Pro-Kopf-Einkommen am Ende des Jahrzehnts niedriger als am Anfang. Selbst in einem der ökonomisch erfolgreicheren Länder wie Polen ist die Armutsrate heute höher als unter der kommunistischen Regierung. Und Afrika? Der kleine Inselstaat Mauritius meldet überraschende Prosperität. Aber sonst? In Afrika nichts Neues.

Schlechte Nachrichten für Globalisierungsfans. Der weltweite freie Markt hat die Armen nicht reicher gemacht. Oder doch? Zwar ist in vielen Entwicklungsländern die Wirtschaft nur schwach gewachsen, hat sich das Elend kaum vermindert. Aber nicht alle haben sich gleichermaßen in die Weltwirtschaft integriert.

Vergangenes Jahr unterteilten die Weltbankökonomen David Dollar und Aart Kraay in einer Studie mehrere Dutzend Entwicklungsländer in "Globalisierer" und "Nichtglobalisierer", je nachdem, ob sie in den vergangenen 20 Jahren zunehmend mehr Güter aus dem Ausland im- und dorthin exportierten oder nicht. Das Ergebnis: Die Globalisierer verzeichnen ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum und niedrigere Armut als die Nichtglobalisierer. Vietnam übertrifft Burma, Bangladesch schlägt Pakistan, Costa Rica steht besser da als Honduras, und ganz oben auf der Liste der Erfolgreichen rangieren Indien und China. Die beiden größten Länder der Welt haben auch ökonomisch mächtig an Stärke gewonnen. Die chinesische Wirtschaft wuchs seit 1990 um jährlich 8,1 Prozent, die indische um 3,4 Prozent.

Das wirkte sich auf die ganze Welt aus. Denn das hohe Wirtschaftswachstum ließ die Armut sinken, und jeder zweite Arme dieser Welt lebt in Indien oder China. So kommt es, dass die Zahl der Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag überleben müssen, von 1,3 auf 1,2 Milliarden sank - bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung. Die chinesischen und indischen Exporte zahlten sich aus. Jene Antiglobalisierer, die wie der Amerikaner David Morris vom Institute for Local Self-Reliance behaupten, Handel sei prinzipiell schädlich, geraten durch diese Zahlen schwer in Erklärungsnot.

Allerdings auch jene Globalisierungsgläubige, die für das Gute stets den Markt und für das Schlechte den Staat verantwortlich machen.

Denn die starken Im- und Exporteure sind keineswegs Länder, die ihre Wirtschaft besonders stark liberalisiert haben. Auch die Weltbank räumt das offiziell ein. Weder weisen Indien oder Malaysia eine besonders niedrige Staatsquote auf, noch haben Vietnamesen, Indonesier oder Chinesen ihre Importzölle besonders weit gesenkt.

Für jeden überzeugten Wirtschaftsliberalen ist China ein Albtraum. Dort regieren nicht Freimarktfreunde, sondern Kommunisten, die sich langsam für eine verhaltene Form des Kapitalismus erwärmen. Nach wie vor gehört das riesige Land zu den am meisten abgeriegelten Volkswirtschaften der Welt, erst im vergangenen Jahr ist es überhaupt der WTO beigetreten. "China hat nicht einmal im größeren Stil private Eigentumsrechte eingeführt, nicht zu reden von der Privatisierung von Staatsunternehmen", sagt Harvard-Ökonom Dani Rodrik.

Ganz ähnlich Indien. Auch dort liegen die Zollsätze und andere Importbarrieren noch immer auf relativ hohem Niveau. Bis heute hat Indien sich nicht den Weltfinanzmärkten geöffnet - und blieb prompt von der Asienkrise verschont. Eine böse Ironie der Geschichte also: Knapp 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erzielen ausgerechnet zwei noch immer halb sozialistische Nationen außergewöhnlich hohe Wachstumsraten.

Die übrigen asiatischen Aufsteiger folgten einem ähnlichen Muster: Egal, ob Taiwan, Thailand, Korea, Malaysia oder Vietnam - mit Ausnahme der Stadtstaaten Hongkong und Singapur sind diese Länder nicht gerade mit der Freimarktdoktrin zu Wohlstand gelangt. Zwar bedienten sie sich der Märkte, schränkten diese aber ein, durch Kontrollen, Regularien und Subventionen.

So ergibt sich ein für die groben Augen vieler Globophober und Globophiler unangenehm schattiertes Bild. Einerseits haben arme Länder, die auf den Weltmarkt setzen und Exportgüter produzieren, gute Chancen, zu weniger armen Ländern zu werden. Deshalb irren die Globalisierungsgegner. Schaut man andererseits, welche Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt Fuß fassen konnten, dann waren das "ausgerechnet jene, die gegen fast alle Paragrafen des wirtschaftsliberalen Regelbuches verstießen", so Entwicklungsforscher Rodrik. Deshalb liegen auch die Globalisierungsanhänger daneben.

Umso merkwürdiger ist es, wie rechtsliberale Ökonomen den dauerhaften Misserfolg in Afrika und großen Teilen Lateinamerikas erklären. Die dortigen Regierungen hätten ihre Wirtschaft nicht liberalisiert, bemängelt das amerikanische Cato-Institut in einer Studie. Wirklich? Der IWF berechnet regelmäßig, wie sehr einzelne Länder ihre Grenzen für ausländische Produkte geöffnet haben. Demnach gehören Staaten wie Uganda, Peru und Haiti zu den am schnellsten liberalisierten Volkswirtschaften der Welt. Mosambik, Sambia und Mali sind offener als Großbritannien, Frankreich oder Deutschland. Trotzdem ist Afrika ein ökonomischer Trauerfall. Das ist auch keine große Überraschung. Zum einen blieben in dem von Tyrannen geschlagenen Kontinent seit 1945 nur vier Länder von bewaffneten Konflikten verschont. Und zum anderen ist Afrika das Paradebeispiel für eines der ältesten Missverständnisse in der Ökonomie.

Im Jahr 1817 erfand der englische Wissenschaftler David Ricardo die Theorie des "komparativen Kostenvorteils". Demnach fährt jede Volkswirtschaft am besten, wenn sie sich auf bestimmte Produkte spezialisiert - und zwar auf jene, die es unter allen Produkten am effizientesten herstellen kann. Dort ist der komparative Vorteil für dieses Land am größten. Den Rest kauft es im Ausland, weshalb Handelsbarrieren aller Art nur schädliche Hindernisse sind, angelegt zum Schutz der Unbeweglichkeit.

Nach diesem Ansatz müssten die Entwicklungsländer vor allem Agrarprodukte und Rohstoffe herstellen, die Industrieländer dagegen Industrieprodukte. Daran haben sich die meisten afrikanischen Länder durchaus gehalten. Ghana etwa exportiert seinen Kakao nach England, importiert von dort Schokolade - und ist immer noch ein Entwicklungsland. "Die Afrikaner sind auf den Ricardo-Gütern hängen geblieben", sagt der Leipziger Ökonom und Afrikanist Robert Kappel.

Mit Kakao allein lässt sich auf Dauer kaum Geld verdienen, sondern nur mit höher verarbeiteten Produkten - die inzwischen 75 Prozent des Welthandels ausmachen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman hat das schon Mitte der Achtziger betont, als er sagte, Handel allein sei nicht ausreichend, entscheidend sei die Industrialisierung.

Man könnte auch sagen, entscheidend ist, nicht bei den Champignons stehen zu bleiben. Auf deren Produktion hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg das verarmte Taiwan spezialisiert - und wäre arm geblieben, hätte es nicht die Einnahmen aus dem Champignonexport in den Aufbau einer eigenen Industrie gesteckt. Und hätten die Taiwanesen diese Industrie nicht am Anfang mit hohen Zöllen vor der Konkurrenz aus dem Ausland geschützt und die ersten Exporte mit massiven Subventionen gefördert.

Anstatt sich mit dem bestehenden komparativen Kostenvorteil zu begnügen, schufen sie neue. Zunächst produzierten die Taiwanesen Handbohrer und Kaffeemaschinen, später Plattenspieler und Kassettenrekorder. So stiegen sie vom Entwicklungsland zum Industrieland auf und bauten langsam die Handelsbarrieren ab. Die Taiwanesen folgten damit dem Entwicklungspfad der Europäer und Amerikaner, die ebenfalls mit wachsendem Wohlstand dem Markt wachsenden Raum gaben. Womit sich ein weiteres Mal ein jahrzehntealtes Muster bestätigte: dass offenbar kein Land mit den Marktkräften allein zu Reichtum kommt. Und sich dann zunehmend des freien Marktes bedient, um seinen Wohlstand zu erhalten.

Ein möglicher Weg auch für Afrika? Theoretisch ja, praktisch nein. Nicht, weil die Demokratie in Afrika schwach ist. "Auch in Taiwan, Korea oder Malaysia waren es Entwicklungsdiktatoren, die ihre Länder nach vorn brachten", sagt der Duisburger Entwicklungsexperte Franz Nuscheler. "In Afrika aber haben wir Diktatoren ohne Entwicklung." Herrscher, denen viel am eigenen Profit liegt und wenig am Fortschritt des Landes.

Selbst wenn südlich der Sahara demnächst zu Dutzenden "gute Regierungen" anträten - der asiatische Weg wäre ihnen versperrt. Die dort so nützlichen Schutzinstrumente wie Exportsubventionen und Importzölle auf Konkurrenzprodukte sind den armen Ländern heute durch die Vereinbarungen der WTO und die Kreditauflagen des IWF zum großen Teil untersagt. Ihre eigene kleine Industrie jedoch ohne Schutzzölle der Konkurrenz aus den USA, Deutschland, Japan, inzwischen auch China auszusetzen - "das ist Selbstmord", sagt Nuscheler.

So verlieren viele Länder selbst dann die Chance, ihren eigenen Entwicklungspfad zu mehr Wachstum und weniger Armut zu gehen, wenn ihre korrupten Regierungen es wollten. Dennoch folgen WTO und IWF weiter der Big-Mac-Strategie: Alle sollen liberalisieren, unabhängig von Entwicklungsstand und Tradition. Selbst bei einstigen Gesinnungsgenossen wie dem Amerikaner Jeffrey Sachs stoßen sie heute auf Gegenwehr. Der Wissenschaftler von der Columbia-Universität propagierte einst die Radikalreformen in Osteuropa. Inzwischen meint er: "Die Ökonomen müssen endlich die Kunst der unterschiedlichen Diagnose lernen."

Die Hilfsorganisation Oxfam fügt in einem aktuellen Report hinzu, es komme eben darauf an, ob die Regierungen mithilfe von Schutzzöllen die Gewinne brasilianischer Viehzüchter und französischer Großbauern verteidigen wollen. Oder die schmalen Umsätze kleiner Industriebetriebe in Afrika.

Anders gesagt: Globalisieren reimt sich auf differenzieren, und nur wer differenziert, kann erfolgreich die Armut bekämpfen. Den Satz muss man jetzt nur noch verkaufen.

 
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