R O M A N Schreib oder stirb
Der griechische Schriftsteller Nikos Panajotopoulos erfindet den Gentest für Literaten und verfasst eine utopische Satire über die Folgen: Die Unterwerfung der Literatur und das Ende der Kritik
Der griechische Schriftsteller Nikos Panajotopoulos hat jetzt einen utopischen Roman über die Entdeckung des Talent-Gens geschrieben, über die vermeintliche Lösung eines theoretischen Dilemmas durch eine technologische Innovation. Die Erfindung des Zweifels heißt ironisch, was in Wahrheit von der Abschaffung des Zweifels handelt - eine Parabel auf die Angst des postaufgeklärten Zeitalters vor allem Unklaren. Panajotopoulos malt sich aus, was passiert, wenn Kreativität nachweisbar wird, er fragt aber auch, woher der Wunsch nach Verifizierbarkeit kommt. Damit zielt er weit über die Grenzen jener herkömmlichen Warnutopien hinaus, die von den unabsehbaren Folgen des Forschens oder vom versklavenden Charakter der Technokratie handeln. Diesmal geht es jedoch nicht nur um das Zu-Ende-Denken, Zu-Ende-Fürchten eines Krisenbefundes, sondern auch um das Zurückverfolgen zu den Anfängen, um das Ergründen der Gegenwart.
Vergessen wir unsere Skrupel
Ausgangspunkt der kritischen Science-Fiction ist klassischerweise eine hybride Zukunftssucht, aber Panajotopoulos macht von vornherein den regressiven Impuls aller Verwissenschaftlichung deutlich. Mindestens ebenso sehr wie um Entdeckung geht es beim Forschen um Ordnung, also um Reduktion von Komplexität; hinter der Verliebtheit in komplizierte Aufgaben steckt letztlich das Verlangen nach Einfachheit. Wer wäre nicht schon ratlos durch die Bibliothek geirrt, auf der Suche nach einem überwältigenden Buch? Wie viel leichter wäre das, wenn bloß noch Weltliteratur in den Regalen stünde. Würden wir uns nicht entlastet fühlen, wenn im Jahr 2030 tatsächlich ein eigenbrötlerischer Genetiker namens Albert Zimmermann auftauchte und den genetischen Code des Schöpfertums geknackt hätte? Welche revolutionäre Simplizität! Es gäbe zwar vorerst noch einige etablierte Berühmtheiten, die sich nicht testen lassen müssten, aber bei den Säuglingen wüsste man gleich, woran man ist. Die Masse der vorhandenen Kunstschaffenden würde in "Bestätigte" und "Annulierte" aufgeteilt, zwar gäbe es ein paar Testverweigerer und gefälschte Laboranalysen, aber mit Sicherheit hätten wir keine Literaturkritik mehr nötig, und die Rezensenten dürften endlich ohne Scham ins affirmative Fach wechseln. Der ewige Streit jedenfalls, was Begabung sei, wäre beendet durch die zweifelsfreie Feststellung, wer Begabung besitzt.
Mit diesem spröden griechischen Pamphlet, das keinerlei landestypische Elemente aufweist - schließlich ist es als Einübung in die globale Zukunft gedacht -, überrascht der Reclam Verlag Leipzig im passenden Moment. Bevor Ende August die Lawine der Neuerscheinungen richtig ins Rollen kommt, wird sie von einer düsteren Offenbarung überholt worden sein: Die Literatur ist bald tot, es lebe die Literatur! Ein Schriftsteller alter Schule erzählt uns seinem Aufstieg und Fall zwischen den Jahren 2025 und 2063. Erst begleiten wir ihn in die unsicheren Regionen der Publikumsgunst, durchleiden seine feuilletonistische Vernichtung und später seine hartnäckige Weigerung, sich dem Zwang biologistischer Talentprüfung zu unterwerfen. Er erlebt ein klassisches Martyrium: faustische Höllenfahrt hinab in die Schaffenskrise, Erlösungsversuch durch eine heilige Hure, schließlich Verlockung durch einen luziferischen Exkritiker, der mittlerweile Ghostwriter für die viel zu wenigen gengetesteten Dichter anheuert. Unser Held mit dem sprechenden Namen James Wright ("Wright or die") erliegt natürlich dem eigenen Ehrgeiz, verrät die Liebe und verkauft seine Seele, will heißen sein schöpferisches Vermögen, an einen Literaturkonzern; damit verwirkt er das Recht, als Schöpfer in Erscheinung zu treten. Am Ende der analytisch entwickelten Tragödie jedoch besiegt James Wright den Teufel (in Gestalt der unanfechtbaren Wahrheit) mit einem Trick. Sein Testament stürzt die neue Ordnung um, indem es Zweifel sät, er selbst wird das allerdings nicht mehr erleben - Pyrrhussieg für Prometheus.
Nikos Panajotopoulos, geboren 1963 in Athen, arbeitete nach seinem Ingenieurstudium als Journalist und bewies bereits in seinem ersten Roman, Tagebuch eines Außerirdischen (1998), starke Neigung zum fantastischen Realismus. Seine satirische Vision von der Erfindung des Zweifels steigert nun das Unbehagen an der Gegenwart in eine Karikatur des künftigen Literaturbetriebs. Dabei verbindet der Autor seine höhnische Polemik mit den selbstreflexiven Passagen neusachlicher Prosa, integriert die gelehrten Anspielungen des Ideenromans in eine profanisierte Passionsgeschichte und unterläuft die sentimentale Gemütslage des Künstlerdramas durch zynische Pointen. Dass die Geschichte relativ nüchtern, ohne Aufwand an Kostümen erzählt werden kann, liegt an dem wirklichkeitsgetreuen Krisenbefund, der der Utopie zugrunde liegt. "Der Zimmermann-Test war in eine Zeit hineingeplatzt, in der ein kulturelles Produkt ohne entsprechende Reklame dafür nicht existierte. Im Informationsgewitter spielten Werbung und Marketing eine wichtigere Rolle als der Wert einer Sache selbst." Die Gewinnsucht der Konzerne, den Prominentenwahn der Medien, auch die Okkupation der Prosaliteratur durch das Autobiografische musste Panajotopoulos nicht erst erfinden: "Gegen Ende des letzten Jahrhunderts schien es, als habe das Leben den Wettstreit mit der Kunst, wer von wem abschreibe, gewonnen."
Halten wir uns an die Tatsachen
Seit der Geniezeit ist Prometheus das Symbol des dichterisch-schöpferischen Menschen, und seit je verkörpert er radikale Emanzipation. In der Moderne nun wird er zum Sisyphus: Die Revolte ist vergeblich, und Prometheus muss sterben, wo die Kunst von der Wissenschaft unterworfen wird. Mit der Inthronisierung des Wissens auf dem leer stehenden Platz Gottes denkt Panajotopoulos die Aufklärung konsequent zu Ende: Was als Emanzipation im Namen der Natur begann, endet als Entmündigung des Menschen durch die Naturwissenschaft. Da wird der kunstfeindliche Fortschrittsoptimismus zur Bedrohung der ganzen freiheitlichen Gesellschaft.
Man sollte sich beim Lesen dieses Romans unbedingt seinen geistesgeschichtlichen Kontext vergegenwärtigen. Zwar muss man nicht wissen, dass Nietzsche die Ablösung des künstlerischen durch den wissenschaftlichen Menschen begrüßte, nachdem er zuvor eine Kritik der Wissenschaften vom Standpunkt der Kunst unternommen hatte. Doch man darf nicht vergessen, dass die Anschauung vom außerordentlichen Rang der Dichtkunst erst im 18. Jahrhundert aufkam, und dass andererseits die Dichter selbst mitunter den Rationalismus gegen die Fantasie ins Feld führten. Der Dramatiker Arno Holz schreibt 1891: "Es ist ein Gesetz, dass jedes Ding ein Gesetz hat." Er glaube an Genie ebenso wenig wie an Krokodile, die tanzen können. "Lassen wir also dergleichen großbrockiges Zeug den Zirkusreitern und halten wir uns lieber hausbacken an die Tatsachen."
Panajotopoulos' Roman lässt sich als Streitschrift lesen, aber auch als Novelle. Er reklamiert die Kritik, dieses Hauptwort des 18. Jahrhunderts, für die vernunftgläubige Epoche der Schachcomputer; er erinnert an den Unterschied zwischen Genie und Genetik, während der Rest der Welt nach den Wundern der Gentechnik giert; und er bestärkt uns in der Ansicht, dass eine Katze, die einen Kanarienvogel gefressen hat, darum noch lange nicht singen kann. Möge das Buch viele Leser finden! Nicht zuletzt deshalb, weil wir dem Autor die vielleicht schönste Widmung der Literaturgeschichte verdanken: "Für all jene, die sich Abend für Abend in das ungemachte Bett des Zweifels legen ..."
Nikos Panajotopoulos: Die Erfindung des Zweifels
Roman; aus dem Griechischen von Ulf-Dieter Klemm; Reclam Verlag,
Leipzig 2002; 184 S., 17,90 €
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