Neben Karl Marx hat wohl kein anderer Philosoph der vergangenen zwei Jahrhunderte eine so große politische Wirkung erzielt wie Karl Raimund Popper. Während aber das Imperium, das sich auf das Marxsche Gedankensystem berief, 1989/90 unterging, sind die Ideen Poppers von ebenjener demokratischen Revolution, die es zum Einsturz brachte, eindrucksvoll bestätigt worden.

Und das, obwohl oder vielmehr: gerade weil er radikal mit der Tradition deutscher spekulativer Geschichtsphilosophie gebrochen hatte und alles andere sein wollte als ein Prophet. In seiner Schrift Das Elend des Historizismus, die 1944 erschien und deren Titel ironisch auf Marxens Pamphlet Das Elend der Philosophie anspielte, erteilte Popper dem Versuch "orakelnder Philosophen", aus der Geschichte "Gesetze" zu destillieren und daraus eine pseudowissenschaftliche Begründung für die Errichtung einer wie immer gearteten idealen Gesellschaft zu zimmern, eine scharfe Absage. Geschichte hat für Popper keinen immanenten Sinn; Träger des Fortschritts und der Verbesserung des menschlichen Lebens sind keine durch irgendein höheres Prinzip ermächtigten Kollektive, sondern ausschließlich selbstverantwortlich handelnde Subjekte, die jederzeit dem Irrtum ausgesetzt sind.

1945, noch während seiner Lehrtätigkeit in Neuseeland, erschien Poppers berühmtestes Werk: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, in dem er seinen Widerstand gegen alle Spielarten totalisierender Philosophie ideengeschichtlich untermauerte. Totalitäres Denken ist für ihn nicht erst ein Produkt des 19. oder 20. Jahrhunderts. Er spürt es bereits bei Platon auf, in dessen Konzeption eines hierarchisch gegliederten Staates er das Urmuster eines ideologischen "Aufstands gegen die Freiheit" erblickt. Weit heftiger noch als den griechischen Klassiker verdammt Popper aber Hegel, den er als philosophischen Scharlatan und intellektuellen Obskurantisten betrachtete. In Hegels "dialektischer" Methode konnte er nichts anderes erkennen als eine Unterminierung der Vernunft zum Zwecke der Apologie eines übermächtigen, autoritären Staats.

Dass er Hegel damit unzulässig verkürzte, ist Popper oft vorgehalten worden. Doch sein Angriff musste wohl so massiv ausfallen, attackierte er mit Hegel doch die philosophische Schlüsselfigur, auf die sich sowohl der rechte als auch der linke Autoritarismus beriefen. So vehement Popper den sozialistischen Kollektivismus - und jegliche egalitäre Utopie - ablehnte, so sehr verabscheute er die Vorsänger der nationalen Gemeinschaft nach der Melodie von Fichtes "geschlossenem Handelsstaat". Die Lehre von der ethnisch homogenen Nation war für ihn schlicht archaisches Hordendenken.

Doch nicht nur als politischer Philosoph, sondern auch als Wissenschaftstheoretiker hat Popper unhintergehbare Maßstäbe gesetzt. Er ging dabei von dem gleichen Kerngedanken aus wie in seinen gesellschaftstheoretischen Schriften: Geschlossene Systeme, die sich gegen Kritik immunisieren, sind zum Fortschritt unfähig, ersticken jede geistige Unabhängigkeit und Kreativität und gehen am Ende an ihrer eigenen Unbeweglichkeit zugrunde. Offene Systeme dagegen, die das Risiko einer Wiederlegung noch der scheinbar unverzichtbarsten Wahrheiten auf sich nehmen, sind nicht nur humaner, sondern erweisen sich auch als leistungsfähiger und erfolgreicher. Wissenschaftliche ebenso wie politische Systeme sind erst dann akzeptabel, wenn sie lernfähig und zur Selbstkorrektur in der Lage sind.

Erkenntnistheoretisch folgt daraus der "Fallibilismus": Das Kriterium für die Rationalität einer Theorie sei nicht ihre empirische Verifizierbarkeit, sondern, im Gegenteil, ihre Falsifizierbarkeit. Jede Theorie kann nicht mehr als einen Annäherungswert an die Wahrheit darstellen; sie bleibt nur so lange gültig, bis eine besser begründete an ihre Stelle tritt. Damit überwand er die Auffassungen des Wiener Kreises, jenes vom Positivismus Ernst Machs inspirierten Zirkels von Wissenschaftlern und Philosophen, in dem er Anfang der dreißiger Jahre erste philosophische Anerkennung erhielt. Er rebellierte namentlich gegen Wittgensteins Maxime, von den Dingen, über die sie nicht reden könne, müsse die Philosophie schweigen. Popper, der aus der Reformpädagogik zur Philosophie gestoßen war, bestand darauf, dass sich ein Denker allen Problemen menschlichen Lebens annehmen und zu ihrer praktischen Lösung beitragen müsse. Dies freilich, ohne sich über die Erfahrungswelt der so genannten einfachen Menschen zu erheben. Popper verlangte von Philosophie und Wissenschaft klares Denken und eine verständliche Sprache.

Auf der Basis dieser Einsichten hat der am 28. Juli 1902 in Wien als Spross einer wohlhabenden, liberal und laizistisch gesinnten jüdischen Familie geborene Karl Popper - seine Eltern waren bereits 1900 zum Protestantismus konvertiert - das Selbstverständnis der westlichen Demokratien auf eine neue Grundlage gestellt. Poppers Konzepte der "offenen Gesellschaft" und des "kritischen Rationalismus" verbanden den Skeptizismus der postidealistischen bürgerlichen Gesellschaft mit dem Erbe der Aufklärung und ihrer Überzeugung von der unendlichen Verbesserungsfähigkeit der menschlichen Verhältnisse. Er forderte, alle - auch die scheinbar unbezweifelbarsten wissenschaftlichen - Wahrheiten infrage zu stellen, und hielt doch - gegen alle Varianten des Relativismus - an der Annahme einer objektiven Wahrheit und der Einheit des Wissens fest. Er schlug damit nicht zuletzt eine Brücke zwischen dem angelsächsischen Empirismus und der kontinentalen Bewusstseinsphilosophie in der Tradition Kants.