K O N S U M Das schmeckt der Welt
Eric Schlossers Porträt der "Fast Food Gesellschaft" zeigt den Kampf der Konzerne gegen die Grenzen der Natur
Ronald McDonald grüßt die Kinder, überall, wo an Autobahnausfahrten das große M leuchtet. Monatlich besuchen 90 Prozent der amerikanischen Kinder ein McDonald's-Lokal, die meisten Kindergeburtstage werden bei McDonald's gefeiert, und Amerikas junge Generation ist die übergewichtigste, die es je hatte.
Dass die Imbisskultur nicht ohne Folgen für die Konsumenten bleibt, ist eines der Themen von Fast Food Gesellschaft, dem nun auf Deutsch erschienenen Bestseller des renommierten amerikanischen Publizisten Eric Schlosser, das in Amerika das meistgekaufte Sachbuch des Jahres war und dort die 15. Auflage erreicht hat. Der Zusammenhang von Fast-Food-Konsum und Übergewichtigkeit ist zwar noch nie systematisch erforscht worden, aber in Japan hat sich seit den achtziger Jahren der Absatz von Fast Food an Schulkinder verdoppelt, und im selben Maß hat der Anteil übergewichtiger Schulkinder zugenommen.
Die Imbisskette war zuerst ein Gag
Damit hängt auch der Zuwachs an Kreislaufkrankheiten schon bei Kindern zusammen. Ein Drittel aller japanischen Männer um die dreißig ist übergewichtig, die erste Generation des Landes, die mit Happy Meals und Big Macs aufwuchs. Die Briten, die mittlerweile mehr Fast Food essen als alle anderen Westeuropäer, haben auch die höchste Rate an Übergewichtigen.
Schlossers Reportage porträtiert eine weltweit erfolgreiche Industrie, beschreibt deren Kunden und die Geschichte einer einschneidenden Veränderung von Lebens- und Essgewohnheiten. Das McDonald's-System entstand aus einem Gag. Mit ihrem Speedee-Selbstbedienungssystem imitierten die Brüder Richard und Maurice McDonald das Fließband von Henry Ford und begeisterten ihre Kunden aus Hollywoods Filmindustrie und aus den Forschungslabors der Rüstungsbetriebe Kaliforniens. Ray Kroc, ein Handelsvertreter, kaufte den Brüdern die Idee ab und aus dem Gag wurde das uniforme System einer Imbisskette.
McDonald's ist eine typische amerikanische Erfolgsgeschichte nach dem Rezept der Massenproduktion. Jeder einzelne Schritt im Prozess des ganzen Systems ist präzise durchkalkuliert - von der Massenhaltung der Tiere bis zur Plastiksitzschale, in der der Mensch zum Essen Platz nimmt, um nach höchstens einer halben Stunde wieder zu gehen. Jeder Griff bei McJobs ist vorgeschrieben, ein 600 Seiten umfassendes Handbuch beschreibt die Arbeitsabläufe in den Restaurants, was die Einstellung junger und unausgebildeter Arbeitnehmerinnen vereinfacht.
Doch die Standardisierung hat ihre Grenze in der Natur von Rindern, Hühnern und Kartoffeln, und die Geschichte des Konzerns liest sich wie ein unermüdlicher Kampf gegen diese Grenze. Da der Geschmack von Rindfleisch je nach Jahreszeit und Weidebedingungen stark variiert, bekämpft Ray Kroc ihn erfolgreich mit Aromastoffen und sicherte damit das Uniformitäts-Ideal des one world - one taste gegen Enttäuschungen. Dem Kampf gegen die Variationsbreite der Natur fielen die klassischen Ikonen der amerikanischen Nation, die Cowboys und die unabhängigen Rancher, zum Opfer: Von den 175 Rinderfarmen, die McDonald's ursprünglich belieferten, sind fünf übrig geblieben, die die geforderte Lieferflexibilität erfüllen. Eingepfercht in feed lots bekommen die Tiere eine exakt bemessene Futtermischung, mit Anabolika versetzt, die das Wachstum beschleunigt, das Leben verkürzt und die Fleischqualität angleicht.
Die Beimischung von Tiermehl aus Schlachthöfen und Tierheimen hat man nach den ersten Berichten über BSE in England 1997 aufgegeben, aber vielleicht ist es nur ein Zufall, dass McDonald's bisher an einem BSE-Skandal vorbeigeschlittert ist. Andere Skandale haben die Fast-Food-Industrie schwerer getroffen. Nach dem Auftreten von gefährlichen Bakterien im Hackfleisch erkrankten 1993 Hunderte von Kindern, und 1997 musste die größte Rückrufaktion für Lebensmittel gestartet werden. Ronald Reagan hatte die Lebensmittelkontrollen stark eingeschränkt und ehemalige Manager der Lebensmittelindustrie an die Spitze der Behörde gesetzt.
Saubermann ist nicht unappetitlich
Schlosser beschreibt die unappetitlichen Zustände in den Schlachthäusern und die dramatische Veränderung, die der Druck der Großabnehmer dort hervorgerufen hat: Ungelernte Arbeiter, oft illegale Immigranten aus Mexiko, haben hoch bezahlte Fachkräfte ersetzt, die Arbeit ist extrem schlecht bezahlt, und Verletzungen sind häufig. Gewerkschaften werden aus den Betrieben ebenso fern gehalten wie aus McDonald's-Restaurants. McDonald's reagiert auf Kratzer an seinem Saubermann-Image sehr empfindlich.
Als 1986 Greenpeace den Konzern anklagte, zur Armut in der Dritten Welt beizutragen, ungesundes Essen zu verkaufen, das verstärkt zu Brust- und Darmkrebs und zu Kreislaufproblemen führe, Arbeiter und Kinder auszubeuten, Tiere zu quälen und die Regenwälder des Amazonas zu zerstören, reagierte McDonald's mit einer Klagedrohung. Eine solche Drohung hatte bis dahin stets Erfolg gehabt. Doch hier zog sie nicht, und daraus wurde ein von dem Medien intensiv verfolgter Fall David gegen Goliath. McDonald's gewann zwar nach drei Jahren, aber durch alle Zeugenaussagen und ernährungswissenschaftliche Expertisen wurde mehr Staub aufgewirbelt, als dem Konzern lieb war. Eric Schlosser ist bisher jedenfalls froh, von einem Prozess verschont geblieben zu sein.
Eric Schlosser: Fast Food Gesellschaft
Die dunkle Seite von Mc Food & Co.; aus dem Englischen von
Heike Schlatterer; Riemann Verlag, München 2002; 448 S., 34,90
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