Bei seiner Rückkehr aus Capri, wo er gewöhnlich den Winter und einige Frühlingsmonate zu verbringen pflegt, ist Friedrich Alfred Krupp, der Fürst unter den europäischen Industriellen, gestern im Hotel Vesuve in Neapel abgestiegen", meldete die italienische Wochenzeitung Il Pungolo am 28. Mai 1901. Und weiter: "Für die schlichte, arbeitsame Bevölkerung Capris gilt Krupp als wahrer Glücksfall. Während der drei oder vier Monate, die er sich jedes Jahr dort aufhält, gibt er Feste, populäre Unterhaltungen und elegante Gesellschaftsabende für die ausländische Kolonie, wobei er die ganze Insel in Aufregung versetzt und huldvoll Brosamen aus dem Schatz seiner Millionen unter den Ärmsten der Armen verstreut."

Krupp auf Capri, der reichste Mann Europas auf der exklusivsten Insel im Mittelmeer: Wie hätte die zeitgenössische Presse anders darüber berichten können als in jener Mischung aus Devotion und Süffisanz, wie sie für den Klatschjournalismus schon damals üblich war? Wer prominent ist, hat kein Privatleben: Die Paparazzi aller Couleur haben diesen Satz inzwischen längst zu ihrem Prinzip gemacht. Und Friedrich Alfred Krupp, der Essener "Kanonenkönig", wurde sein erstes Opfer. Sein Capri-Leben sollte ihm zum Verhängnis werden.

Friedrich Alfred war nach Friedrich Krupp (1787 bis 1826), der die bescheidenen Anfänge der Firma gelegt, und Alfred Krupp (1812 bis 1887), der sie zur größten deutschen Gussstahlfabrik gemacht hatte, der Dritte in der Essener Dynastie. Er war es, der Krupp zum Weltkonzern ausbaute. Sein Name steht für den Boom der "Gründerjahre" und darüber hinaus für jene Verflechtung von Großkapital und Großmachtpolitik, wie sie für das Zeitalter des Wilhelminismus typisch war.

Und dennoch gehörte Krupps Leidenschaft nicht wirklich dem Stahl. Das unterschied ihn von Vater und Großvater. In seiner Jugend hatte er wenig Neigung verspürt, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. Er wollte Naturwissenschaftler werden, beschäftigte sich mit Paläontologie und interessierte sich für Tiefseeforschung. Eher von dem autoritären Vater dazu genötigt, wuchs er in das Unternehmen hinein, übernahm 1887 die Leitung, aber "das lebhafteste Interesse für die Wissenschaft" (wie er in einem Brief vom Dezember 1899 an den Meeresforscher Anton Dohrn bekannte) begleitete ihn sein Leben lang. Eher preußischem Pflichtethos folgend, versah der schüchterne, introvertierte Mann die Geschäfte in Essen, und die Sprache seines Körpers verriet nur zu deutlich die inneren Spannungen und das Unbehagen an einer Position, in der er sich zu bewähren hatte: Krupp, ein untersetzter, kurzsichtiger Mann, litt an Asthma, Kreislaufstörungen und Depressionen.

Das Meer, die Welt unter Wasser, die Larve des Aals

Für dieses Syndrom vielfältiger nervöser Leiden hatte die Epoche des Fin de Siècle die Modediagnose "Neurasthenie" geprägt und dafür auch gleich die Therapie parat: einen Aufenthalt im Süden. Nicht nur für Krupp war es die Krankheit, die es damals einem anständigen Menschen in gut situierter Position erlaubte, sich für kürzere oder längere Zeit in Italien niederzulassen, ohne scheel angesehen zu werden. 1898 reiste der 44-jährige Krupp an den Golf von Neapel, der wegen seines heilsamen Klimas bei Ärzten in ganz Europa hoch im Kurs stand. Aber Krupp war nicht gekommen, um hier nur seine "Müdigkeit zu schaukeln", wie es in Nietzsches schönem Gedicht Im Süden heißt (auch er, Nietzsche, ein Heilung Suchender in Italien). Krupp traf in Neapel auf einen Mann und eine Einrichtung, denen er bis zu seinem Tod sein zweites, sein südliches Leben widmen konnte, tätig auch dieses, aber in freier, selbst bestimmter Tätigkeit: den Meeresforscher Anton Dohrn und die Stazione Zoologica.

Auch Dohrn hatte sich auf seine Weise den Traum von einem alternativen Leben im Süden erfüllt. Er hatte sich 1868 bei dem Naturforscher Ernst Haeckel in Jena habilitiert, dann aber auf eine akademische Laufbahn verzichtet. Die Universität, befand Dohrn, begünstige Spezialistentum und Borniertheit. Mit der Gründung der Stazione Zoologica, des ersten Meeresforschungsinstituts der Welt am Golf von Neapel 1874, realisierte er ein neuartiges Forschungsmodell, das nicht nach dem Muster eines universitären Instituts mit seinen Hierarchien organisiert war, sondern (im heutigen akademischen Jargon ausgedrückt) auf den Ideen der interdisziplinären Kooperation und des Praxisbezugs gründete. Gleichzeitig war Dohrn ein genialer Wissenschaftsunternehmer: Die Station, im Privatbesitz von Dohrn, vermietete gegen Geld so genannte Arbeitstische an einzelne Länder oder wissenschaftliche Einrichtungen, deren Vertreter dann für eine bestimmte Zeit am Institut arbeiten konnten und hier wie in einer Art "Wissenschaftskolleg" zusammenlebten.