Film ohne Ende
Super 8 ist seit zwanzig Jahren kein Medium der Massen mehr. Aber es gibt noch Schmalfilmer, die dem Video trotzen. Eine Nahaufnahme in acht Einstellungen
1. Drei Minuten für 30 Mark
Mins Minssen hat diesen außergewöhnlichen Namen, und außergewöhnliche Ideen hat er auch. So nahm er, der Kieler Chemiker und Schriftsteller, vergangenen Sommer eine Super-8-Kamera mit auf ein Seminar und drückte sie einer Studentin in die Hand. Sie hat sie behandelt wie eine Videokamera und sich gewundert, dass nach drei Minuten Schluss war, erzählt er vergnügt. Drei Minuten für 30 Mark - Super 8, das einmal das bezahlbarste Filmmaterial war, kostet inzwischen 40-mal so viel wie Video. Und dafür gibt es noch nicht einmal Ton. Mins Minssen gefällt das. Video ist Präsenz und Präsens, Super 8 ist Es-war-einmal, Imperfekt, unvollkommen.
Die Filme sind schwer zu kriegen, teuer, kurz und - wenn nicht nachträglich eine Tonspur aufgebracht wird - stumm. Sie zwingen zum Nachdenken, zum Haushalten, sie erfordern Geduld. Nach der Belichtung werden sie per Post zum Entwickeln in die Schweiz geschickt
das braucht Wochen. Noch bei der Vorführung leisten sie Widerstand. Leinwand und Projektor wollen aufgebaut und justiert sein, dann kommt das Einfädeln - und dann ist in Minssens Wohnzimmer nichts zu sehen, weil der sonnenhelle Nachmittag das Bild überstrahlt.
Es ist die falsche Tageszeit zum Super-8-Zeigen, sagt der Filmer zufrieden, Super 8 verlangt nach Dunkelheit. Mit Wolldecken und Anoraks verhängt er die Fenster
aber auch im künstlichen Dämmer sind die Muscheln im Sand, über die das Wasser läuft, nur schwer zu erkennen.
Als wäre all dies noch nicht umständlich genug, gefällt es Minssen, ausgewählte Szenen mit einer Videokamera von der Leinwand abzufilmen. So spart er sich das Schneiden. Das VHS-Band ist dann immerhin nicht mehr tonlos: Beim Abspielen hört man aus den Fernsehlautsprechern das Rattern des Super-8-Projektors. Dieses Verfahren erinnert an ein Motorrad mit Beiwagen - die Nachteile zweier Systeme werden aufs schönste kombiniert.
Der Kieler Wissenschaftler, obschon 62, ist kein Filmer der ersten Stunde
er hat das skurrile Medium im neuen Jahrtausend erst entdeckt, angeregt durch einen Freund, dem er als Hauptperson eines Fährfilms diente. Das Schiff legt ab in Richtung Oslo, von Bord grüßt er, langsam sich entfernend, Mins winkt heißt das Werk.
2. Telefone, die wackeln
Anton Kaun hat mit 13, 14 angefangen, das war mehr so ein Herumgefilme, Explosionen, Mit-Pistolen-Herumlaufen. Heute, mit 27, nennt er sich eigentlich offiziell Künstler, und Super 8 ist sein bevorzugtes Medium.
Geht die Elektronik-Band Console auf Tour, kommen von Anton Kaun die Bilder zum Klang. Während es auf der Bühne hübsch knistert und knackert, zeigt er Telefone, die wackeln oder Spielzeugroboter, die sich drehen oder abgefilmte Spinnen - drei, vier Sekunden lange Streifen, die sich Mal um Mal wiederholen. Selbst im Pariser Centre Pompidou waren die in einem Weilheimer Reihenhaus erdachten Repetitionslichtspiele schon zu sehen.
Wie alle jungen Super-8-Filmer arbeitet Kaun mit Ausrüstung aus zweiter und dritter Hand. Anders ginge es auch gar nicht. Vor 20 Jahren endete die Fabrikation von Kameras und Projektoren, nur Filme werden noch hergestellt.
So ist eine paradoxe Situation entstanden: Das Super-8-Material ist teuer, die Geräte kosten fast nichts. Beim Video verhält es sich umgekehrt.
Für seine Kamera, eine Nizo, die als deutsches Spitzenfabrikat einmal Tausende gekostet hatte, bezahlte er bei Foto-Bauer im heimischen Weilheim vor vier Jahren 150 Mark. Seither läuft die feine Mechanik ohne Probleme.
Projektoren hat er bestimmt schon 10, 15 besessen. Was kaputtgeht, wird ausgeschlachtet. Er kauft ständig nach.
Besondere Aufmerksamkeit bei Console-Abenden erregen zwei kompakte Projektionseinheiten, Kaun nennt sie Super-8-Fernseher. Das jugendliche Publikum steht staunend davor. Viele wissen gar nicht so genau, was Super 8 ist
andere sehen es sofort, und es erinnert sie an die alten Urlaubsfilme.
Manche würden auch fragen, warum er keinen 35-Millimeter-Film verwende - die hätten dann gar keine Ahnung, jedenfalls nicht von den Kosten des Hollywood-Materials.
Und Video? Es ist nicht so, dass ich das ablehne. Aber es ist etwas anderes.
Das Videobild ist härter, tiefenschärfer, die Räumlichkeit ist anders, es ist nicht Bild-Schwarz-Bild-Schwarz-Bild, es sind Halbbilder, die immer neu aufgebaut werden. Super 8 ist viel näher am Kino.
3. Durchbruch im Keller
Seit den Anfängen 1889 ist Kinofilm 35 Millimeter breit. Die große Fläche gibt ein gutes Bild, verschlingt aber enormes Geld. So stellte die amerikanische Firma Kodak 1923 das günstigere 16-Millimeter-Format vor, das bis heute für Fernsehproduktionen verwendet wird. Der eigentliche Amateurfilm, 8 Millimeter schmal, kam 1932, auch von Kodak. Als Normal 8 dominierte er den Markt bis in die Nachkriegszeit hinein.
Super 8 wurde 1965 eingeführt, wiederum von Kodak. Die Perforationslöcher am Rand waren deutlich kleiner als bei Normal 8, weshalb das Bild bei gleicher Filmbreite fast 50 Prozent größer wurde. Und der Film kam nicht mehr als fummelige Rolle, die im Dunkeln eingelegt werden musste, sondern in einer Einmalkassette. Plug and play. Der Gewinn an Qualität und Handlichkeit löste in der industrialisierten Welt eine Amateurfilmwelle aus. Wer selbst drehte, konnte farbiger als das Fernsehen sein: Das wenige Programm war ja damals noch schwarzweiß.
Die Super-8-Kassette hatte allerdings einen Nachteil: Der Film wurde bei der Belichtung nicht mehr von einer in die Kamera eingebauten Andruckplatte aus Metall fixiert, sondern von einem Stück Plastik, das zur Kassette gehörte.
Als Folge davon stand das Bild nicht mehr so ruhig, und es konnte stellenweise unscharf werden - typisch Super 8 eben.
Zwei Jahrzehnte danach, 1984, wurden diese jedem Praktiker bekannten Schwächen in einem Beitrag der deutschen Zeitschrift Schmalfilm analysiert - als wollte man am Schluss noch einmal sagen, warum Super 8 scheitern musste, denn gerade kam Video auf. Jenen traurigen Text hat damals Gottfried Klose gelesen.
Gottfried Klose, heute 59, ist Hausmeister des Amtes für Agrarordnung in Bielefeld
in seinem Hobbykeller setzt er alles daran, einer von der Industrie aufgegebenen Technik neues Leben einzuhauchen. In jahrzehntelanger Feilerei, Fräserei, Verchromerei und Testfilmerei entwickelte er eine 26 Millimeter lange, 7,9 Millimeter breite und 0,43 Millimeter dünne Präzisionsandruckplatte. Sie wird in die Super-8-Kassette eingeschoben und nach der Belichtung wieder entnommen. Der Film wird ruhiger, schärfer.
Neuerdings verkauft Hausmeister Klose diese erste Super-8-Innovation seit 20 Jahren, das von ihm handgefertigte Stück zu 169 Euro.
Durchbruch!, jubelt der immer noch, aber immer unregelmäßiger erscheinende Schmalfilm in einem ersten Testbericht, Super 8 wird endlich wirklich gut.
4. Was Kodak sagt
Wie lange wird es Super 8 noch geben? Das fragen wir uns auch, sagt Harro Pallentin, bei Kodak in Stuttgart zuständig für den K40, den populärsten Schmalfilm, der nur noch im französischen Chalon sur Sa'ne hergestellt wird und ausschließlich im schweizerischen Lausanne entwickelt wird. Vor zwei, drei Jahren haben wir in Deutschland 40 000 Stück verkauft. Ich hoffe auf 30 000 Stück dieses Jahr. Zur Blütezeit, in den Siebzigern, seien es eine Million Filme und mehr gewesen. Aber wo gebe es das überhaupt noch, ein Industrieprodukt, das über vier Jahrzehnte hinweg unverändert angeboten werde?
Herr Pallentin kann immer wieder ins Schwärmen geraten vom typisch pastellartigen Erscheinungsbild, etwas verschwärzlicht, nicht schreiend, nicht schrill, nicht bunt. Und die Haltbarkeit! Ein 40 Jahre alter Super-8-Film sehe besser aus als ein 20 Jahre altes Video.
Für sein Wundermaterial macht Kodak seit langem keine Werbung mehr, es geht von allein, erwartet von einer so treuen wie schrumpfenden Gemeinde. Wenn es mal Qualitätsprobleme gibt wie vergangenen Winter, stehen die Telefone nicht still. Und wenn das Aus der Fabrikation eines Tages tatsächlich verkündet werden sollte, muss der Konzern mit allem rechnen. Stimmt es, dass es im Filmland Frankreich vor dem Kodak-Werk schon eine Rettet-Super-8-Demo gegeben hat? Davon weiß Herr Pallentin nichts, aber er kennt seine Kundschaft zu gut, um das für ganz unmöglich zu halten.
5. Was der Papst sagt
Als Halbwüchsiger hatte Jürgen Lossau keine Ahnung, dass er mal zum Schmalfilmkamerapapst aufsteigen würde. Damals, Mitte der Siebziger, reiste er aus Wolfenbüttel nach Lübeck, Kiel, Berlin und Hamburg, um das Leben in der Fremde zu filmen. Seine Stadtporträts wurden dann in Wolfenbüttel bei den Altstadtwochen gezeigt. Später, als Volontär beim WDR, sah er, wie schlecht seine Aufnahmen im Vergleich zu denen der Profis waren. Was ist das alles für ein Gewackel, ärgerte er sich. Er verkaufte seine Ausrüstung und wurde Fernsehproduzent.
Mit 30 bekam er zum Geburtstag von einer Freundin die 16-Millimeter-Ausrüstung ihres Großvaters geschenkt. Was er damit solle?
Sammel das doch, sagte sie. Heute, mit 41, besitzt er 3500 verschiedene Kameras aller Schmalfilmformate, zusammengekauft auf Flohmärkten, bei Trödlern und Sammlern, auf Recherchereisen durch Europa, Amerika und Asien.
Irgendwann sei ihm der Gedanke gekommen, du machst einmal im Leben etwas, das noch niemand gemacht hat - und er beschloss, ein Buch über alle weltweit je gebauten Schmalfilmkameras zu schreiben, mit Firmenporträts, Hintergrund und Anekdoten, mit technischen Daten, Neupreis, Sammlerwert und so weiter.
Ein drei viertel Jahr lang saß er von halb zehn Uhr morgens bis nachts um drei am Schreibtisch. Filmkameras, das großformatige 500-Seiten-Werk, zweisprachig und exquisit bebildert, erschien im September 2000 für 199 Mark.
Für mich, hieß selbstironisch die Widmung des Autors, der am Ende wohl glaubte, einer Obsession zum Opfer gefallen zu sein.
Was dann geschah, übertraf alle Erwartung. Die Auflage betrug nur 2500 Exemplare, aber aus Japan, aus Hongkong, aus Portugal, aus Spanien kamen dicke Briefe, ja, Pakete, nach Hamburg in die Sierichstraße. Sie enthielten detaillierte Ergänzungen, Hinweise, fotokopierte Bedienungsanleitungen oder Konstruktionspläne. Inzwischen ist ein ganzer Schrank voll. Ich habe noch nie im Leben etwas gemacht, das auf solche Begeisterung gestoßen ist, resümiert der Autor, immer noch verblüfft.
Dachte Lossau, das Kapitel Schmalfilm sei mit dem Aufkommen von Video abgeschlossen, so hat er sich getäuscht. Sein Buch sollte ein Geschichtsbuch werden, aber die Geschichte will nicht enden.
6. Auf nach Neukölln!
Das schmucklos-raue Berlin-Neukölln ist nicht jedermanns Sache, der Super-8-Enthusiast kommt aber hier so schnell nicht wieder weg, denn die Gegend rund um den Hermannplatz ist das Zentrum deutschen Schmalfilmüberlebens.
In der Fuldastraße 55 betreibt Manfred Walther seinen Fotoladen Asa 90 - Asa steht für das Maß der Filmempfindlichkeit, 90 für das Gründungsjahr. Hinter schwarz gekachelter Front wartet die Auslage mit russischen Belichtungsmessern auf, mit Super-8-Spielfilmen (Psycho-Bomben, 1979, 3 x 110 Meter) und Gebrauchtliteratur (Alles über die Nizo). Schon für 45 Euro gibt es eine Bauer-Kamera, mit Tasche.
Walther, 40, kennt die Geräte, kann sie reparieren oder kennt jemanden, der es kann. Sitzt man einen Vormittag bei ihm, sieht man ältere Herren sorgsam gehütete Apparate hereintragen: Was es dafür wohl noch gebe? Obwohl sie den Entschluss zum Verkauf längst gefasst haben, weil sie auf Video umgestiegen sind oder aufgehört haben zu filmen, können sie den Schmerz über den Abschied nur schwer verbergen.
Die Kameras werden von jungen Leuten gekauft, von Kunststudenten, von Werbefilmern. Wenn sie nach Schwarzweißmaterial verlangen, schickt Walther sie weiter zu Foto-Braune in die Karl-Marx-Straße 7. Das ist ein kleiner, wühliger, sehr gut sortierter Laden, der Erinnerungen weckt an eine Zeit, da Verkaufen ohne Sachkenntnis undenkbar war. Hier gibt es sogar noch Normal-8-Film, importiert aus Tschechien, 25 Euro das Stück, dazu noch 8 Euro für die Entwicklung - 33 Euro für drei Minuten. Das Leben ist manchmal hart, kommentiert dies Michael Schröder, 31, der nach einem Studium der deutschen Kultur und Ästhetik bei Foto-Braune Anstellung fand. Er sammle alte Schallplatten - was das koste, dürfe man auch niemandem erzählen.
Nur ein paar hundert Meter von Foto-Braune entfernt, in der Hasenheide 9 auf dem zweiten Hinterhof, findet sich die Firma Andec. Jenseits des kleinen Empfangstresens erstrecken sich 800 verwinkelte Quadratmeter Gewerbefläche, voll gestellt mit jahrzehntealten Filmentwicklungs- und Umkopiermaschinen für längst ungebräuchliche Formate. Hier hätte Wim Wenders seine Freude! Ach, seufzt der Inhaber Ludwig Draser, 43, aufgewachsen im fotochemischen Familienbetrieb, der macht doch auch nur noch Video.
7. Zukunft durch Vergangenheit
Eines Nachmittags gegen halb fünf klingelt das Telefon, Tokyo am Apparat.
Herr Takahiko Kohyama hat die E-Mail mit den Fragen erhalten, und er will sie nun beantworten in seinem nahezu perfekten Deutsch. Bei ihm ist es schon tief in der Nacht, die Familie schläft, sein Laden ist geschlossen. Sieben Angestellte hat Retro Enterprises, zehn Kilometer vom Zentrum entfernt, wir sind das einzige Fachgeschäft in ganz Asien mit einem Komplettservice für 8-Millimeter-Filmgeräte. Der Stolz in seiner Stimme ist noch über die gewaltige Entfernung hinweg zu hören. Herr Kohyama bietet weltumspannenden Service dergestalt, dass er in Japan belichtete Super-8-Filme einsammelt und nach Berlin-Neukölln in die Hasenheide schickt, zur Firma Andec in den zweiten Hinterhof, wo sie entwickelt werden. Umgekehrt bekommt er aus Berlin in Deutschland belichtete Single-8-Filme, die nur noch bei Fuji in Tokyo verarbeitet werden können. Single 8 war die japanische Antwort auf Super 8, die gegen die Kodak-Marktmacht chancenlos blieb, obwohl sie technisch überlegen war.
Was sich die verbliebenen Super-8-Freunde in Deutschland fragen, fragen sich die verbliebenen Single-8-Freunde in Japan: Wie lange wird es noch Filme geben? Herr Kohyama weiß eine Antwort darauf: noch sehr, sehr lange! Von einem Mitarbeiter des Fujicolor-Labors bekommt er die entleerten Single-8-Kassetten. Kohyama hortet sie, schon hat er im Lager 10 000 Hülsen, die auf ihre zweite Chance warten. An dem Tag, an dem Fuji die Produktion einstellt, will Herr Kohyama sie aufnehmen und die Versorgung der Welt mit Single-8-Filmen sicherstellen, übergangsweise in gebrauchten Behältern, aber das, glaubt er, werde dann niemanden stören.
Herr Kohyama hat verstanden, welche Chancen ein Sektor bietet, aus dem sich die Industrie zurückgezogen hat. Retro Enterprises, erst vor drei Jahren gegründet, kauft alles an Achtmillimetergeräten, was zu bekommen ist, auch defekte
sie bilden ein unerschöpfliches Reservoir an Ersatzteilen. So kehrt Herr Kohyama den Prozess von Produktion und Konsumption um
seine Ware bezieht er nicht mehr von Fabriken, sondern von Verbrauchern - und macht glänzende Geschäfte damit.
Bis nach Deutschland fährt er, um sich auf Sammlerbörsen mit Gebrauchtware einzudecken. Dieses Frühjahr war er in Waghäusel bei Mannheim, wo er 30 japanische Kameras, 100 Stummfilme und diverses Zubehör erstand. In Deutschland seien die japanischen Geräte wegen der geringeren Luftfeuchtigkeit gut erhalten, und billig seien sie dazu, weil hier kaum noch jemand etwas damit anzufangen wisse.
Ich bin 36, sagt der Geschäftsmann, und gehöre somit der letzten Generation an, die von ihren Eltern auf acht Millimeter gefilmt wurde. Seine Kunden seien sehr alt oder sehr jung - ganz wie die bei Foto-Braune oder Asa 90 im fernen Neukölln. Die Jungen kennen das Medium aus dem Fernsehen: Mehr und mehr Spots (zum Beispiel für Kosmetika) sind auf Schmalfilm gedreht, weil die Werbeagenturen an den Farben und dem Flimmern Gefallen finden. Und so strömt die hippe Jugend Nippons zu Herrn Kohyama, um sich mit einer sehr sinnlichen und gar nicht digitalen Technik zu versorgen.
8. Wozu das alles?
H. lebt in Neumünster/Holstein, er geht auf die 80 zu, farbige Jahre liegen hinter ihm, er verwahrt sie in einem Zimmer seiner Villa, das so gut wie nie geöffnet wird. Als Hitlerjunge machte er Schwarzweißfotos, seit 1962 Normal 8, später Super 8, so liebevoll wie mühsam vertont, parallel dazu Dias und Farbfotos, zuletzt Versuche mit Video
die Stative, Magazine, Spulen, Kameras, Projektoren, Birnchen und Batterien (meist schon ausgelaufen) stapeln sich bis unter die Decke. Viel Geschäftsfreunde, Messen, Maschinen, Flughäfen, eingedoste Langeweile. Ein Film aus den Sechzigern wird hervorgeholt und an die Wand geworfen: kleine Kinder mit Speckärmchen im Planschbecken, Wasser aus dem Gartenschlauch, drollige Momente, die seit Jahrzehnten auf Wiederauferstehung warten. Schöne Szenen, gut geschnitten, das Projekt Dokumentieren für später ist gelungen, die Frage nur: wozu? Die Familie war nie wieder so froh wie auf den frühen Bildern. Und die erwachsenen Kinder, wenn sie mal da sind, bekommen die Filme nicht zu sehen, weil nie Zeit und Gelegenheit dafür ist.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31/2002
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