Elektro Hört doch, wie schön das Gras wächst

Wohlklang aus Deutschland: Elektronische Musik mit akustischen Instrumenten

Übereinander sprechen Thomas Morr und Tom Steinle schon deshalb mit Respekt, weil beide wissen, was es heißt, ein Musiklabel zu gründen und allein zu betreiben. Programmgestaltung, Verträge, Finanzwesen, Technik, Pressetexte, Abrechnung - da kann die Arbeitswoche acht Tage haben. Weil aber Morr Music wie tomlab das gleiche musikalische Feld beackern, lässt das Reden übereinander auch den Wunsch nach Abgrenzung erkennen. Dabei ist das gemeinsame Gebiet weder klein noch klar umrissen. Elektronik/Akustik könnte man es nennen - was als ein Begriff aus zwei Begriffen genau die Zusammenziehung widerspiegelt, um die es geht.

Elektronische Musik ist der eine Pol, also Material, das im Computer entsteht. Der andere Pol sind die guten alten Instrumente ohne elektrische Verstärkung: Gitarre, Klavier, Akkordeon, Stimme. Die einander wesensfremden Komponenten (hier wird etwas berechnet, dort schwingt etwas) sind in der Praxis seit langem verbunden. Elektronische Musik klingt ja nicht notwendig elektronisch: Töne, die vom Klavier gesampelt und vom Computer wiedergegeben werden, sind von originalen Klaviertönen nicht zu unterscheiden. Es lassen sich auf dem virtuellen Klavier aber andere Dinge spielen als auf dem realen, weil es keinen mechanischen Beschränkungen unterliegt.

Anzeige

Umgekehrt werden Stimmen und traditionelle Instrumente auf fast jeder Bühne, in fast jedem Aufnahmestudio digital bearbeitet. Da werden Echo und Räumlichkeit hineingerechnet, und nur naive Hörer halten das Ergebnis noch für 100 Prozent biologisch-dynamisch. Was aber ist dann neu an Elektronik/Akustik? Es ist der Versuch, beide Seiten so zu kombinieren, dass die eine die andere nicht verdeckt. Die Qualitäten beider sollen zu hören sein: der warme Klang einer akustischen Gitarre und die faszinierenden Möglichkeiten der synthetischen Klang-organisation - von knöcheltiefen Rhythmusteppichen bis zu feinen Rausch- und Knistertapeten oder Plingplongplang-Melodiechen. Morr Music hat hier einiges erreicht, exemplarisch dokumentiert auf der Compilation Putting The Morr Back In Morrissey. Die Doppel-CD mit 28 Stücken von 24 Interpreten öffnet die Tür zu einer Welt des Pop, in der Avantgarde und Wohlklang zusammenleben. Morr steht für Musik, die man genießen kann und die doch nicht trivial ist. Den größten Erfolg bisher hatten die zwei Veröffentlichungen von Lali Puna, Scary World Theory und Tridecoder. Der englisch-portugiesische Gesang der Deutsch-Koreanerin Valerie Trebeljahr fügt sich in Songs, die zwar noch die vierköpfige Band erkennen lassen, das Synthetische aber demonstrativ ausstellen. "Data Pop" haben das die Kritiker genannt.

Weiter geht das englische Duo Isan. Das erste Stück auf Lucky Cat beginnt mit einer elektronischen Melodica, dann kommen elektronische Streicher hinzu und elektronisches Gezwitscher - und selten war das Progressive dem Kinderlied so nahe. Noch ätherischer gibt sich der Berliner Multiinstrumentalist F. S. Blumm auf seinem Album Mondkuchen. Akkordeon, Kalimba, E-Bass, Glockenspiel, Fagottähnliches, Gitarre, Grammofonstreicher; was genau man da hört und wie echt es ist, weiß man nie, nur auf die Lieblichkeit ist stets Verlass - (un-)heimelig geradezu.

Morr Music hat in drei Jahren 28 Alben herausgebracht, die bei aller Verschiedenheit zusammenhängen. Unterstützt wird dieser Eindruck von der Hüllengestaltung des in Hannover lebenden Grafikers Jan Kruse. Je zehn LP-Rücken bilden ein Muster, an dem der Vinylfreund seine Morr-Sektion im Regal schon von weitem erkennt. Thomas Morr hat als Plattensammler zur Musik gefunden; von Hameln aus gestartet, studierte er Geschichte und Literatur in Kassel und Hannover, widmete sich aber bald mehr dem Organisieren von Independent-Rockkonzerten und der Arbeit in einem Plattenversand. Die Erfahrungen aus jenen Jahren, inklusive eines Wohnsitzwechsels nach Oberbayern zur Weilheimer Szene, haben ihm in Berlin beim Schritt in die Selbstständigkeit geholfen. Mit 31 Jahren ist Thomas Morr grau und ewig kränkelnd; auf Dauer ist das, was er tut, für einen zu viel. Aber jetzt hat er am Prenzlauer Berg ein schönes Hinterhof-Office mit neuestem iMac, und von allen Seiten brandet Zustimmung an; der Absatz wächst, Erfolg kann so schön sein.

Folk von der Festplatte

Wenn es Kritik gibt, dann gilt sie seinem dominanten Geschmack: Die Verschiedenartigkeit der Musiken drohe unter dem Label-Sound zu verschwinden. Morr sieht das, aber er weiß auch, wie wichtig seine Konsequenz für das Gelingen des Unternehmens war. Im Übrigen ist ja niemand gezwungen, allein bei Morr zu verweilen. Da gibt es ja noch mehr, und so kommt Tom Steinle ins Spiel. Steinle, auch 31, in Heidelberg geboren, ist keinen so geraden Weg in die Musik gegangen. Als Junge setzten ihn die Eltern an die Heimorgel, weshalb er sich bald mehr für bildende Kunst interessierte. Dann lebte er in Frankreich, studierte Maschinenbau und arbeitete als Ingenieur zunächst bei VW in der Forschung, später in der Servolenkungsentwicklung bei einem Zulieferer. Die Start-up-Euphorie erlebte Steinle in Köln beim Aufbau eines Internet-Handelsplatzes für die Süßwarenindustrie; von da aus ging's am Ende der Party in die Arbeitslosigkeit.

Nun ist mehr Zeit für die Musik. Steinle hatte sie einst als Kunde des Kölner a-Musik-Ladens für sich entdeckt. Elektronik mit deutschem Text - namentlich das Oval-Album Wohnton - inspirierte ihn, sich selbst an den Klang-Computer zu setzen. Seine erste CD 1997 war eine CD-R, daheim gebrannt; das Label nannte er nach sich: tom. Er trug die Produktion von 100 Stück in den a-Musik-Laden, wo sie rasch verkauft wurde, zehn Stück gingen nach Amerika. Bald löste er das Plattenmachen von der eigenen Musik ab, aus tom wurde tomlab, inzwischen gibt es 20 Alben, 2000er Auflagenhöhen, Verkäufe nach Japan, Nachpressungen und Vinyl sowieso. Steinle liebt das Risiko, weil es Chancen bietet, und er nimmt ein unscharfes Profil dafür in Kauf. Sieht er bei Morr Music die Gefahr des ästhetischen Kalküls, findet Morr bei tomlab, dass vieles im Ansatz stecken bleibe. Beide haben Recht, aber niemanden sollte das abschrecken. Denn so konzis Morrs Ästhetik ist, so anregend sind Steinles Ansätze. Die Compilation For Friends kann ein Einstieg sein in diese originellen Musiken, die nicht um ein Zentrum kreisen, sondern in verschiedene Richtungen ausgreifen.

Novisad nennt sich Kristian Peters, 22, ein Tüftler aus Rostock, dessen zweite tomlab-CD Seleya als Agrartechno daherkommt: Man glaubt, das Gras wachsen zu hören, von Stroboskopen beschienen. Oder Enrico Wuttke aus Dresden, der sich Flim nennt und gerade Given You Nothing veröffentlicht hat. Klaviermusik wie von Satie - und dann hebt sie sacht schwebend ab ins Herz und Jetzt. Sie wird ein größeres Publikum finden.

Außer tomlab gibt es in Köln zwei weitere Labels, die sich der Elektronik/Akustik widmen. Da ist zum einen Staubgold, das eine vertracktere Spielart des Genres pflegt, Musik für die Kunstgalerie, nachzuhören auf der CD Nr. 29 A Way To Find The Day von Mapstation. Da ist zum anderen Karaoke Kalk, das gerade als Veröffentlichung Nr. 13 das hinreißende Love Streams von März herausgebacht hat - Folksongs von der Festplatte. Akustische Gitarre, Streicher, Zymbeln, Clicks und Bits und dazu gemurmelte Zeilen des Dichters Rolf Dieter Brinkmann: "Die Geschichtenerzähler machen weiter / Die Autoindustrie macht weiter / Die Arbeiter machen weiter / Die Regierungen machen weiter / Die Rock-'n'-Roll-Sänger machen weiter / Die Preise machen weiter ..." Und die Ohren machen weiter.

 
Service