Elektro Hört doch, wie schön das Gras wächstSeite 2/2
Wenn es Kritik gibt, dann gilt sie seinem dominanten Geschmack: Die Verschiedenartigkeit der Musiken drohe unter dem Label-Sound zu verschwinden. Morr sieht das, aber er weiß auch, wie wichtig seine Konsequenz für das Gelingen des Unternehmens war. Im Übrigen ist ja niemand gezwungen, allein bei Morr zu verweilen. Da gibt es ja noch mehr, und so kommt Tom Steinle ins Spiel. Steinle, auch 31, in Heidelberg geboren, ist keinen so geraden Weg in die Musik gegangen. Als Junge setzten ihn die Eltern an die Heimorgel, weshalb er sich bald mehr für bildende Kunst interessierte. Dann lebte er in Frankreich, studierte Maschinenbau und arbeitete als Ingenieur zunächst bei VW in der Forschung, später in der Servolenkungsentwicklung bei einem Zulieferer. Die Start-up-Euphorie erlebte Steinle in Köln beim Aufbau eines Internet-Handelsplatzes für die Süßwarenindustrie; von da aus ging's am Ende der Party in die Arbeitslosigkeit.
Nun ist mehr Zeit für die Musik. Steinle hatte sie einst als Kunde des Kölner a-Musik-Ladens für sich entdeckt. Elektronik mit deutschem Text - namentlich das Oval-Album Wohnton - inspirierte ihn, sich selbst an den Klang-Computer zu setzen. Seine erste CD 1997 war eine CD-R, daheim gebrannt; das Label nannte er nach sich: tom. Er trug die Produktion von 100 Stück in den a-Musik-Laden, wo sie rasch verkauft wurde, zehn Stück gingen nach Amerika. Bald löste er das Plattenmachen von der eigenen Musik ab, aus tom wurde tomlab, inzwischen gibt es 20 Alben, 2000er Auflagenhöhen, Verkäufe nach Japan, Nachpressungen und Vinyl sowieso. Steinle liebt das Risiko, weil es Chancen bietet, und er nimmt ein unscharfes Profil dafür in Kauf. Sieht er bei Morr Music die Gefahr des ästhetischen Kalküls, findet Morr bei tomlab, dass vieles im Ansatz stecken bleibe. Beide haben Recht, aber niemanden sollte das abschrecken. Denn so konzis Morrs Ästhetik ist, so anregend sind Steinles Ansätze. Die Compilation For Friends kann ein Einstieg sein in diese originellen Musiken, die nicht um ein Zentrum kreisen, sondern in verschiedene Richtungen ausgreifen.
Novisad nennt sich Kristian Peters, 22, ein Tüftler aus Rostock, dessen zweite tomlab-CD Seleya als Agrartechno daherkommt: Man glaubt, das Gras wachsen zu hören, von Stroboskopen beschienen. Oder Enrico Wuttke aus Dresden, der sich Flim nennt und gerade Given You Nothing veröffentlicht hat. Klaviermusik wie von Satie - und dann hebt sie sacht schwebend ab ins Herz und Jetzt. Sie wird ein größeres Publikum finden.
Außer tomlab gibt es in Köln zwei weitere Labels, die sich der Elektronik/Akustik widmen. Da ist zum einen Staubgold, das eine vertracktere Spielart des Genres pflegt, Musik für die Kunstgalerie, nachzuhören auf der CD Nr. 29 A Way To Find The Day von Mapstation. Da ist zum anderen Karaoke Kalk, das gerade als Veröffentlichung Nr. 13 das hinreißende Love Streams von März herausgebacht hat - Folksongs von der Festplatte. Akustische Gitarre, Streicher, Zymbeln, Clicks und Bits und dazu gemurmelte Zeilen des Dichters Rolf Dieter Brinkmann: "Die Geschichtenerzähler machen weiter / Die Autoindustrie macht weiter / Die Arbeiter machen weiter / Die Regierungen machen weiter / Die Rock-'n'-Roll-Sänger machen weiter / Die Preise machen weiter ..." Und die Ohren machen weiter.
- Datum 10.10.2006 - 04:17 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 32/2002
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