R O M A N Mordsmäßiges Literaturdesign

Der Norweger Jan Kjærstad ist ein ironischer Nationaldichter von Hans-Peter Kunisch

Eine seltsame Sache, dieser Roman. Schon weil er ein tief norwegischer zu sein behauptet. In manchen Kapiteln fällt das Wort auf beinahe jeder dritten Seite: Irgendetwas sei für Norwegen typisch oder eben nicht, das sei über die Grenzen Norwegens hinaus wirksam geworden, überraschenderweise. Norwegen habe aber auch den Stressless-Sessel erfunden, das passe zu einer Nation von Zuschauern, überhaupt seien Norweger... Und trotzdem weiß man, das ist eines der interessantesten Bücher, die man in der letzten Zeit gelesen hat. Das hat verschiedene Gründe. Erstens ist hier die Norwegenmanie derart überdreht, dass man sie satirisch nehmen muss und immer auch "deutsch" oder eine andere Nation mit Identitätsproblemen dafür einsetzen kann. Zweitens bedient Kjærstad die in den achtziger und neunziger Jahren europaweit wiederentdeckte Illusionsmaschine des realistischen "Spannungsromans" und bricht sie gleichzeitig auf, ohne dass man den Eindruck gewönne, dies sei nur ein weiterer jener beinahe schon vergessenen Bastelversuche, "postmodern" zu erzählen.

Doch wovon handelt Der Eroberer? Wie in Der Verführer, jenem ersten Teil einer Trilogie, ist Jonas Wergeland, der Held, ein echter Star, nämlich der größte norwegische Fernsehmann aller Zeiten. Seine Sendereihe heißt ganz schlicht: Groß denken. Was für ein Titel - in einem Medium, das das ideale Reservat für Mittelmäßige ist: Wer weder schreiben kann noch Filme machen, damit aber gut Geld verdienen möchte, der landet bei der Glotze. Und verführt die Leute kalt. Ja, Der Eroberer ist ein Medienroman. Aber er ist einer, wie man ihn in den vergangenen Jahren nicht gelesen hat. Das heißt: Er verbreitet keine Medientheorie, er steuert auf keine apokalyptische Katastrophe zu, er zeigt nicht besonders grelle Menschen. Er ist so interessant, weil er, trotz seines Zeitgeistthemas, so gewöhnlich scheint.

Jonas Wergeland ist ein uncooler Typ. Er hat ein Fernsehgesicht, das "Eier aus Gold" vermuten lässt, und eine schicke Hose unterm Tisch. Alles, was er angefangen hat (Architektur, Musik), das ging nicht recht. Er ist ein Mann mit schwachen Leidenschaften und wenigen Fertigkeiten. Aber Millionen Norweger, die schon gar nicht mehr ans Fernsehen glaubten, die sich in bewussten Momenten dafür schämen, dass sie so viel Zeit damit verbringen, sehen zu ihm auf, fühlen sich beim Betrachten von Wergelands Werken auf eine Ebene gehoben, auf der sie sich schon nicht mehr zu begegnen hofften. Warum? Warum gucken manche Intellektuelle noch immer lieber Harald Schmidt als in ein Buch?

Jonas Wergeland ist kein gesprächiger Komödiant. Er dreht Fernsehfilme und hat ein einfaches, geniales Konzept entwickelt. Es geht darum, eine Figur der norwegischen Kulturgeschichte mit ein, zwei Strichen vollständig neu zu zeichnen, sie aus einem unbekannten Blickwinkel zu skizzieren, ob sie nun Sonia Henie, Amundsen, Nansen oder Gro Harlem Brundtland heißt. Man muss sich Wergelands Wirkung so vorstellen, als gebe es in Deutschland einen Journalisten, der klarmachen könnte, dass Kohl keine Probleme aussaß, sondern ein Tänzer war; dass Schröder kein "Medienkanzler", sondern ein heimlicher Stotterer ist. Aber ausgerechnet Wergeland, der allen Ängstlichen Mut macht, der Retter norwegischen Bewusstseins, der Ruck, soll plötzlich ein Mörder sein. Die Tote ist seine Frau, Margarete Hoeck, das Beste, was Jonas im Leben je erreicht hat: Sie hatte Klasse, in ihrem Arztberuf, im Sex, im Umgang mit allen Schichten; sie war so welterfahren, wie Jonas es nie werden wird, aber das weiß nur er allein.

Es wird nun Zeit, etwas über die Erzählperspektive zu sagen. Der Ich-Erzähler ist ein Historiker, der Wergeland analysieren soll wie ein Profiler. Er soll herausfinden, was der mutmaßliche Mörder für ein Mensch war. Der Professor ist, einer der gebildeten Scherze des Buchs, der wichtigste norwegische Vertreter der Annales, jener berühmten französischen Schule der Mentalitätsgeschichte nach Marc Bloch, die sich als eine der Ersten nicht für traditionelle Historien interessierte. Doch die Spannkraft der Schule hat nachgelassen, und der Professor ist auch bequem geworden, er schreibt jetzt Auftragsbiografien. Dabei hilft ihm seine Muse, eine fremde Frau, die ihn besucht, als er zum ersten Mal wirklich nicht mehr weiterweiß, die seither immer wieder kommt, um mit ihm konstruierte, umständliche Gespräche zu führen. Es geht um Ängste, Liebe, Hoffnungen, Enttäuschungen, Erfolg. Immer wieder setzen der Historiker und, vielleicht, der Geist der toten Margarete, zu neuen Erklärungen und Fragen an: What made him tick? Warum wurde Wergeland ein Eroberer? Warum war das Gefühl der Mittelmäßigkeit für seinen Erfolg entscheidend? Hat das wirklich nur mit seinem Medium zu tun, und wenn nicht, womit denn sonst? Was spielten seine Eltern für eine Rolle, die Großeltern, Schulkameraden und so weiter?

Kjærstadt ist ein Virtuose möglicher Identitäten. Auf einer Seite schafft er welche, drei Seiten später zerstört er sie. "Vielleicht", sagt der Professor einmal, "kann man heute so viel Stoff über ein Leben sammeln, dass es nicht länger möglich ist, es zu erzählen." Jeder Mensch ist durch Partner, Zeitschriften, Psychologen einer geworden, der sich Gründe ausleihen kann. Das klingt nach "Desillusion". Zu Kjærstads Kunst gehört, dass er genau das Gegenteil betreibt. Seine Romane leben vom fantastischen Überschuss der erzählten Geschichten, von jenem Mehrwert, den er ihnen in immer neuen Wendungen abpresst. Er versetzt den Leser in die rosa Hoffnung, etwas über seinen Star zu erfahren, und ohne dass Kjærstad einen theoretischen Satz schreiben müsste, lässt man sich von seinen Geschichten immer wieder fangen, um dann zu erfahren, dass auch diese Fährte falsch war, dass wir über keinen Menschen etwas wissen können. Das Prinzip unendlicher Varianz wird versteckt wie in einem realistischen Roman des 19. Jahrhunderts und an manchen Stellen plötzlich offen ausgestellt.

Dabei bleibt Kjærstad, ein anderes Erfolgsgeheimnis, auf dem festen Boden der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Mai-Unruhen, Dritte-Welt-Begeisterung, alles wird noch einmal neu, als Wergelands Welt, erzählt. Die "typisch norwegische" Historie kommt dabei systematisch in die Nähe der "großen Geschichte". Über Jonas' Großvater, der ein Nazikollaborateur war, über Jonas' Vater, der dazu schwieg und Orgel spielte, bis zu den Frauen, denen Wergeland begegnet, von ersten Liebeserlebnissen in den Kellern der Genossenschaftssiedlung bis zur Ärztin, bei der Lebens- und Liebesstil den gleichen Designgedanken folgen. Kjærstads Bücher sind wie Schwämme. Sie haben alles aufgesogen, was in den letzten Jahren alltagsphilosophisch Thema war, sind fest verankert im Gerede über Pop- und sonstige Kultur, und mit seiner gespielten Norwegenmanie ist Kjærstad auch noch zu einem erfolgreichen Nationalschriftsteller neuen, selbstironischen Typs geworden.

Flirten mit der B-Kultur

Eine weitere hübsche Wendung ist ja die, dass Kjærstad, Sohn eines Orgelmusikers, in Wergelands Lebens- und Erfolgsgeschichte nicht zuletzt seine eigene erzählt. Ist das Spiel des ausgebildeteten Theologen Kjærstad mit Krimi-Genre und Medienbetrieb nicht etwa genau der einträgliche Flirt mit der B-Kultur, dem Jonas seinen Erfolg verdankt; ist Jonas' Mittelmäßigkeit nicht auch ein melancholischer Verweis auf das Nachmoderne Kjærstadschen Erzählens? Was wird aus Kultur, wenn sie sich dem Fernsehen aussetzt? Symbolisch lässt der Autor Jonas darunter leiden, "im Rausch von B-Literatur" gezeugt worden zu sein, von romantischen Eltern, getrieben vom Gedanken, dass Agatha Christie in diesem Hotel den Mord im Orient-Express verfasste.

Kjærstad selbst hat wenig Grund, melancholisch zu sein. Seine Individualität liegt in der bewundernswerten Ruhe und Brillanz, mit der er sein gediegenes Handwerk psychologisch wie gedanklich genauen Erzählens verknüpft mit der gelassenen Verrücktheit, nun schon mehr als 1000 Seiten Schleifen um eine einzige Hauptfigur gedreht zu haben, um Jonas Wergeland, den Verführer, den Eroberer, den Mörder, der es vielleicht gar nicht war, und sein immer gleiches Leben.

Jan Kjærstad: Der Eroberer
Roman; aus dem Norwegischen von Angelika Gundlach; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002; 539 S., 24,90 €

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