Europa braucht keinen Vormund
Noch nie war die amerikanische Außenpolitik so imperial. Damit muss Europa leben - aber es soll sich nicht unterwerfen
Ob Robert Kagan oder Charles Krauthammer, William Kristol, Richard Perle, Zbigniew Brzezinski oder Paul Wolfowitz - seit Ende des Kalten Krieges schießen die amerikanischen Fürsprecher rücksichtslosen Machtgebrauches und die intellektuellen Wortführer des amerikanischen Unilateralismus ins Kraut.
Brzezinski verlangt, die USA sollen "den eurasischen Kontinent kontrollieren". Wolfowitz erklärt, "... die Aufgabe bestimmt die Koalition, nicht andersherum" - und meint damit: Die Nordatlantische Allianz ist nicht wichtig. Kagan beruft sich auf Thomas Hobbes, der vor dreieinhalb Jahrhunderten den absoluten Machthaber als den einzigen Garanten von Frieden, Sicherheit, Recht und Moral gepriesen hat. Man kann fragen, warum Kagan nicht gleich Machiavelli zum Zeugen aufruft
denn der hat nicht erst das Recht oder die Moral bemüht, sondern von vornherein auf Gewalt und Macht gesetzt.
Der nationalistisch-egozentrische Einfluss imperialistisch gesinnter Intellektueller auf die Strategie der USA ist derzeit größer als je seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Allerdings hatte sich der im Kalten Krieg legitime amerikanische Führungsanspruch schon zur Zeit Reagans, abermals und stärker zur Zeit Clintons, in Richtung auf eine Selbsteinschätzung entwickelt, nach welcher die USA als einzige globale Supermacht den Rat ihrer europäischen Verbündeten eigentlich nicht benötigten. Sie brauchten auch nicht allzu viel Rücksicht auf die Interessen anderer Nationen zu nehmen. Reagan bombardierte Grenada, Clinton bombardierte Belgrad und eine Fabrik im Sudan - alles ohne einen Beschluss des Sicherheitsrates der UN, alles Verletzungen der Charta der Vereinten Nationen. Im ersten Halbjahr der Bush-Administration war deutlich geworden, dass sie geltende Verträge und geleistete Unterschriften nur so lange honorieren will, wie sie diese als vorteilhaft für die USA ansieht.
Schon Edmund Burke warnte vor der Hybris der Supermacht
Gleichzeitig nahm die Feindseligkeit gegenüber China zu, die schon unter Clinton erkennbar gewesen ist
Clinton hatte unter anderem ein extensives Militärabkommen mit Japan geschlossen, das eindeutig gegen China gerichtet war. Gleichzeitig schürten imperialistisch gesinnte Intellektuelle den Argwohn gegen China als künftigen Weltmacht-Konkurrenten. Im ersten Halbjahr der Bush-Administration erschien ein Kalter Krieg der USA gegen China als möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich.
- Datum 01.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 32/2002
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