Özdemir fliegt

Und die Grünen geben sich moralisch

Vielleicht kommt Cem Özdemir ja in vier Jahren wieder. Das jedenfalls, was dem grünen Bundestagsabgeordneten bislang zur Last gelegt wird, reicht kaum aus, seinen überraschenden Rücktritt zu begründen. Bis zur letzten Woche gehörte Özdemir zu den grünen Hoffnungsträgern der Post-Fischer-Generation.

Nun also soll ein inzwischen zurückgezahlter Kredit des PR-Unternehmers Moritz Hunzinger und die privat verflogenen Bonusmeilen das politische Ende für den 36-jährigen Politiker bedeuten? Unter normalen Bedingungen ist das schwer vorstellbar.

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Aber so normal sind die Bedingungen derzeit nicht. Es ist Wahlkampf. Die Angst der Grünen, eine Debatte um Özdemirs Verfehlungen werde die nächsten Wochen dominieren, ließ offenbar keinen Spielraum für ernstliche Prüfung der Vorwürfe, ruhige Abwägung oder gar Großzügigkeit. So wurde der überstürzt wirkende Rückzug des deutsch-türkischen Vorzeigepolitikers im grünen Lager mit Erleichterung und wohlfeilen Respektsbekundungen aufgenommen. Er habe gezeigt, "dass Grüne, wenn es darauf ankommt, Verantwortung übernehmen", ruft ihm Parteichef Fritz Kuhn hinterher. Ernstliche Versuche, Özdemir zu stützen, hat es vonseiten der Parteiführung nicht gegeben.

Ohnehin war Özdemir empfänglich für die Sorge, was die Affäre für das politische Ansehen seiner Partei und ihre Wahlaussichten wohl bedeuten würde.

Trotz seines oft als glamourös und ein wenig ungrün empfundenen Stils hatte er die grüne Moral durchaus verinnerlicht, die nun seinen schnellen Abgang erzwang.

Deshalb erinnerte Özdemirs Rücktritt in nichts an den vorangegangenen Rauswurf Rudolf Scharpings, der sich noch an sein Amt klammerte, als wirklich nichts mehr zu retten war. Der Exverteidigungsminister hatte seinen Kredit längst aufgezehrt, mit Özdemir hingegen traf es einen bis dahin gänzlich Unbeschädigten. Dennoch schmälerte auch Scharpings Sturz Özdemirs Zukunftsaussichten. Die SPD hatte ihr Hunzinger-Opfer erbracht, das erhöhte den Druck auch auf Özdemir. Fast wie zu Zeiten des Kosovo-Krieges, als sich die grüne Basis über das Ende des Pazifismus erregte, hagelte es nun in der Parteizentrale empörte E-Mails über die finanziellen Sünden Özdemirs. Auch das dürfte die grüne Führung nicht sonderlich motiviert haben, Özdemir vernehmbar in Schutz zu nehmen. Von grüner Zivilcourage zeugt das nicht gerade. Auch Joschka Fischer, dessen Auge einst wohlwollend auf Özdemir ruhte, kam nun kein öffentliches Wort zu dessen Verteidigung über die Lippen.

Die Grünen sind eben auch nur Menschen - so heißt es nun entschuldigend aus deren Reihen. Das klingt geläutert, realistisch und gar nicht philisterhaft.

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