Film Wo die Sprache aufhört

Pedro Almodóvars subversives Melodram "Sprich mit ihr" ist vielleicht sein gewagtester Film, weil er das Terrain des Normalen um bisher tabuisierte Bereiche erweitert.

Absurdes ganz normal und Normales völlig absurd erscheinen zu lassen ist das große Projekt des Regisseurs Pedro Almodóvar, vielleicht sogar seine ureigene Kino-Utopie. Doch geht es keineswegs um einen pseudopoetischen Hang zum Irrealen oder gar eine Flucht in triviale Wundergläubigkeit. Im Gegenteil, die Grenzen der Vorstellungskraft werden von ihm stets im Dienst einer gesellschaftspolitischen Vision vorangetrieben. Wenn ein Transvestit in einem Almodóvar-Film ein Kind mit einer aidskranken Nonne hat, das schließlich von deren bester Freundin aufgezogen wird, dann ist dies jenseits des Gefühlsgerangels der Figuren auch Statement für einen ernsthaft exzentrischen Familienbegriff. Nicht weniger liebevoll der Blick auf einen Lastwagenfahrer, der sich nach seiner Geschlechtsumwandlung zur Make-up-Spezialistin fortbildet und die viel beschworene soziale Flexibilität ein selbstbestimmtes Stückchen weiter dreht - stets geht es um ein Vortasten des Möglichen im Unwahrscheinlichen. So kommen schließlich jedes Begehren und jede Sehnsucht zu ihrem Recht.

Vielleicht ist Almodóvars neuer Film sein bisher gewagtester, weil er das Terrain des Normalen um bisher tabuisierte Bereiche erweitert - zum Beispiel, indem er die Gesten der Liebe dort entdeckt, wo wir sie nicht vermutet hätten und wo sie vielleicht auch gar nicht hingehören. Sprich mit ihr handelt von zwei Männern, deren Geliebte durch einen Unfall ins Koma gefallen sind. Während Marco sich dem wie tot daliegenden Körper seiner Freundin entfremdet fühlt, geht der Krankenpfleger Benigno bereits seit Jahren in seiner heimlichen Liebe zu einer jungen Komapatientin auf, betet sie an, trägt sie buchstäblich auf Händen. Vaseline, Nagelschere und Shampoo verwandeln sich in erotische Insignien, und aus den nüchternen Handgriffen des Hospitaldienstes wird eine unendliche Folge zärtlicher Verrichtungen. Einmal, während Benigno die Oberschenkel der Bewusstlosen hingebungsvoll mit Öl massiert, schaut plötzlich der Vater der Kranken im Zimmer vorbei. Sein misstrauischer Blick infiziert auch unseren, und plötzlich ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich die schmutzigen Gedanken hat. Mit der ganzen Solidarität seiner filmischen Mittel stürzt sich Almodóvars Film in eine nach herkömmlichen Maßstäben einseitig pervertierte Beziehung und lässt daraus eine grandiose, aber auch irgendwie selbstverständliche Liebesgeschichte entstehen.

Anzeige

Hügelhafter Stummfilmbusen

Sogar die Filmgeschichte schlägt sich fröhlich auf die Seite dieses Helden, der am liebsten ganz in der geliebten Frau aufgehen würde: Da die komatöse Alicia ihrer Kinoleidenschaft nicht mehr nachgehen kann, müssen Benignos Augen für sie das Sehen übernehmen. Am Krankenbett berichtet er ihr von dem Film Der schrumpfende Liebhaber, während Almodóvar das fiktive Werk in manirierter Stummfilmästhetik illustriert. Frivol spielt er mit dem Motiv des Mannes, der nach einem fehlgeschlagenen Experiment unaufhaltsam auf Däumlingsgröße schrumpft, seine Geliebte aber trotzdem nicht verlieren will. Silberglänzende Schwarzweißbilder zeigen einen winziges Männlein, das über den hügelhaften Busen und die mächtigen Schenkel der Geliebten rutscht, bis es vor einem gigantischen, höhlenartigen weiblichen Geschlechtsteil steht - und in einer Mischung aus Aufopferung und Hingabe für immer darin verschwinden wird.

Nach und nach entpuppt sich Sprich mit ihr als hemmungslose Unterwanderung all der Geschlechter- und Liebeskonzepte, die man gemeinhin als normal empfindet. Normal ist in diesem Film, dass Männer immerzu weinen und Frauen gegen Stiere kämpfen, und zwar in einer der schönsten Zeitlupen, die das Kino seit langem gesehen hat. Normal ist auch, wenn die Gefühle des einen Freundes im anderen weiterleben und aus zwei Toden eine neue Liebe entsteht. Überhaupt ist alles normal, was nur irgendwie dem Melodram dient, seinen exzentrischen Farben, seiner Feier der Gefühle, seinem Hang zur schicksalhaften Überhöhung. Wenn es frei nach Pascal in einem notwendigerweise verrückten Dasein nur eine andere Form von Verrücktheit wäre, nicht verrückt zu sein, dann gibt es eigentlich nichts Normaleres als die Filme von Pedro Almodóvar.

Wie um sich einer gewissen Bodenhaftung zu versichern, verstreut Almodóvar in seinem Film eine Reihe alltäglicher kleiner Szenen und Dialoge. Gespräche des Pflegepersonals, in denen es um Achselschweiß und das passende Deodorant geht, um die geschätzte Schwanzlänge eines Krankenhausbesuchers, um menschliche Ausscheidungen und vieles mehr. In eine almodóvarisierte Welt, die das Außergewöhnliche im Modus des Selbstverständlichen enthält, bricht das wirklich Banale umso irritierender herein.

Service