Während des Sommers ist das Strandbad Wannsee der wichtigste soziale Treffpunkt der beiden wichtigsten sozialen Gruppen der Stadt, nämlich des Berliner Proletariats und des Berliner Subproletariats. Diese beiden Gruppen rivalisieren seit Menschengedenken um die Vorherrschaft in der Stadt, sie mögen einander nicht und tragen ihren Streit mit Vorliebe am Wannsee aus. Das Proletariat kann sich einen Strandkorb leisten, dank 100 Jahren SPD und Gewerkschaft. Es trinkt an der Strandbar Cocktails oder Guavensaft, es trägt Brillis im Ohr oder im Bauchnabel und kommt sich Gott weiß wie wichtig vor. Aber in Wirklichkeit hat es längst die kulturelle Vorherrschaft eingebüßt, denn es ist allzu schlaff und selbstzufrieden geworden. Die Proletariermänner gehen zum Beispiel schon mit Anfang 30 figürlich in die Breite, die Proletarierfrauen dagegen haben sich mit Anfang 30 ihren Busen künstlich vergrößern lassen.

Das Subproletariat sieht einfach besser aus. Der Subproletarier geht jeden Tag sechs Stunden ins Fitness-Studio statt zur Arbeit, er hat deshalb noch mit 60 einen Waschbrettbauch. Der Busen der Subproletarierin ist durchtrainiert, kakaobraun und stark eingeölt, beim Gehen macht er ein rhythmisches Geräusch, so ein sinnliches Quapschen. Dann muss der Proletariermann der Subproletarierin hinterherschauen, es geht einfach nicht anders, und er kriegt Ärger mit seiner Frau.

Das Subproletariat sitzt auf Handtüchern und hört aus waschmaschinengroßen Radios Modern Talking. Es trinkt Bier, denn wer viel Sport treibt, kann sich das figürlich leisten. Alle Subproletarier tragen aufwändige Tätowierungen, auch an Stellen, wo man im Traum nicht damit rechnet. Die Tätowierungen sind in letzter Zeit meist fernöstlich angelegt, sie haben mit Ying und Yang und Zen und Dragon Ball und den vielschichtigen Philosophien des Ostens zu tun, denn der Subproletarier reist viel und interessiert sich für fremde Kulturen, sofern sie sich tätowieren lassen.