Alles schien so einfach. Hier an den Zahlen feilen, dort großzügig schätzen, Warnungen und Fakten ignorieren - und schon stimmte die Statistik.

Zumindest bis zu den Wahlen. Danach sollte sich die Sache in ein paar Jahren schon wieder hinbiegen lassen. Stattdessen nun das: die Wahl verloren. Die Macht verspielt. Und den Ruf verdorben - durch Mogeleien mit den Staatsfinanzen und durch die Irreführung Brüssels.

Was Portugals Sozialisten derzeit erleben, verdrängen deutsche Sozialdemokraten mit allen Mitteln. "Wir sind nicht Portugal", antwortet der Sprecher von Bundesfinanzminister Hans Eichel ungefragt und verrät damit doch den Berliner Albtraum: Die Geschichte aus dem kleinen Land am Rande Europas könnte sich für den Riesen im Zentrum der Union wiederholen. Wie Portugal steuert auch Deutschland immer schneller auf ein Haushaltsdefizit von über drei Prozent zu und daher auf einen Verstoß gegen den Stabilitätspakt. Vor der Wahl will die Bundesregierung es keinesfalls wahrhaben: Dem Land droht der Offenbarungseid.

Doch das europäische Problem ist größer. Portugal mag ein besonders auffälliger Sünder sein und Deutschland nur ein freiwilliger Blinder. Aber die beiden sind nicht allein. Tricksen, Schönen und Wegsehen sind Disziplinen, die inzwischen in vielen EU-Ländern geübt werden. Je länger der Stabilitätspakt gilt, desto dreister legen die Regierungen seine Worte aus.

Frankreich macht aus seiner Verachtung keinen Hehl mehr, Italien stimmt ein.

Finnland, Irland und Österreich sind überführt, ihre Haushaltslöcher durch kreative Buchführung geschönt zu haben. Und auch Griechenland macht Schule mit verwegenen Haushaltstricks. Nun kommen die Kniffe ans Licht, und es zeigt sich: Das Schummeln ist zum Teil der Maastricht-Kultur geworden - und die EU-Kommission vermag wenig dagegen auszurichten.

Erst im Januar hatte es wegen des Paktes zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und der EU-Kommission heftig gekracht. Weil die Deutschen bedrohlich nah an die magische Drei rückten, drohte ein blauer Brief. Auf diese Verwarnung können Strafen in Milliardenhöhe folgen. Damals ließ der Kanzler die Muskeln spielen, verhinderte den Brief, musste dafür aber schmerzhafte Auflagen hinnehmen: Bis 2004 soll der Haushalt ausgeglichen werden, Länder und Kommunen müssen kräftig sparen.