Gefühle unterm Aschenbecher

Der Blinde kommt zu Besuch. Die Frau kennt den Blinden seit vielen Jahren, sie hat ihm Bücher vorgelesen, seine Geschäftspost erledigt, hat später den Kontakt aufrechterhalten. Seit Jahren schickt sie ihm Kassetten, sie erzählt ihm von ihrer ersten Ehe, von ihren Träumen, jetzt von ihrem zweiten Mann, sie sind vertraut. Als die Frau damals den Job als Vorleserin kündigte, bat er sie zum Abschied, ihr Gesicht berühren zu dürfen, es mit den Händen abzutasten. Sie schrieb ein Gedicht darüber. Ihr Mann bleibt reserviert. Der Blinde sieht nichts und weiß doch alles über ihn. "Ein Blinder in meinem Haus, das war nichts, worauf ich mich freute."

Eine Geschichte von Raymond Carver zu erzählen ist undankbar. Entweder verfällt man in den Duktus des Vorbilds, oder es wird banal, man gerät an jene Formeln, die dann vom Schicksal kleiner Leute, von amerikanischem Alltag, von stummer Verzweiflung spricht. Für Die Kathedrale, jene Geschichte vom Besuch des Blinden, die dem Hörbuch und dem dritten Band der deutschen Neuübersetzung den Titel gibt, bräuchte man genau genommen 22 Seiten oder 45 Minuten, kürzer geht es nicht. Nicht, weil so viel passiert, sondern weil nichts passiert. Würden das Abendessen, das Plaudern, der Wechsel vom Esstisch zum Sofa, das Einschalten des Fernsehapparates auf den Fakt verkürzt, klänge es belanglos, nur die Beschreibung baut jene bedrängende Spannung auf, die dem Ungesagten den Raum gibt. "Erzählen heißt auslassen", schrieb Reinhard Baumgart einmal zu der Neuausgabe Carvers beim Berlin Verlag, es gilt auch: Lesen heißt dazuerfinden, tasten wie ein Blinder, in der ständigen Furcht, das Unerwartete könne jeden Moment in die Wirklichkeit einbrechen. Wenn Judith Hermann in ihrem Vorwort schreibt, "dass Carver nur deshalb so habe schreiben können, weil er trockener Alkoholiker war mit Geschichten, die sich in der Nüchternheit an der Sehnsucht berauschten", steht daneben die Angst des Lesers, die Verzweiflung könne alles erdrücken.

Wer die Shortstorys von Raymond Carver (1939 bis 1988) liebt, verwahrt sie im Regal wie eine bezahlte Versicherungspolice aufs Unglück. Man muss sie einmal gelesen haben, überwältigt von jenem kurz atmigen Stil, dessen Essenz in den Zwischenräumen liegt, in diesen Verknotungen von Banalem und Rätselhaften.

Doch man kann sie nicht oft lesen. Sei es, dass Carvers minimalistischer, lakonischer Stil inzwischen zur Schablone wurde, sei es, dass sein erzähltechnischer Kniff, den existenziellen Kipppunkt ins Ungreifbare zu verlegen, inzwischen Standard des creative writing wurde. Wie gut, dass Christian Brückner bei der Auswahl seiner Geschichten auf diesen Typus verzichtet. Da liest er jene großartige Geschichte im Kafka-Format, Das Abteil, in dem ein Mann auf dem Weg ist, seinen Sohn in Straßburg zu treffen, spürt, dass er ihn noch immer hasst, ihn nicht sehen will, und beschließt den Zug nicht zu verlassen und weiterzufahren. Da wählt er Eine kleine, gute Sache, jene aus Robert Altmans Film Short Cuts bekannte Episode, in der ein Kind überfahren wird und stirbt, während seine Eltern von einem Bäcker telefonisch terrorisiert werden. Er verdächtigt sie, böswillig die Geburtstagtorte für den Sohn nicht abholen zu wollen. Eine untypische Geschichte mit einem beinahe hoffnungsvollen Schluss. Die Geschichten aus dem letzten Band Kathedrale zählen zu jenen Erzählungen, die Carvers Lektor Lish nur geringfügig gekürzt hatte, die also ausladender wirken, als dies ins Carver-Bild passt. "Gegen die Lakonie" möchte man diese Carver-Lesungen überschreiben, in der Christian Brückners (De-Niro-Harvey-Keitel-)Stimme nachbarliche Selbstverständlichkeit ausstrahlt, die trotz Nähe Abstand hält.

Auch Raymond Carvers Lyrikanthologie Gorki unterm Aschenbecher (Maro Verlag) lebt aus diesem neuen Carver-Gefühl, lässt die Gedichte als Bilder einer langen, ruhigen Autofahrt vorbeiziehen. Lesen sich seine Gedichte ohnehin wie Keime von Shortstorys - Charles Bukowski so nahe wie den Fotografien von Robert Frank - verwandelt der Tonfall Christian Brückners sie in einen Dialog mit dem Hörer. Er liest, als spräche er mit einem Gegenüber, lässt Pausen zwischen den Gedichten, die viel Zeit geben, sich wieder ins nächste Gefühl zurückzulehnen.

Raymond Carver: Kathedrale

und zwei weitere Erzählungen

a. d. Engl. v. Helmut Frielinghaus

2 CDs, 141 Min., 23 e

ISBN 3-93525-11-9

Raymond Carver: Gorki unterm Aschenbecher

a. d. Engl. v. Uwe Hienz

2 CDs, 138 Min., 23 e

ISBN 3-935125-17-8

beide gesprochen von Christian Brückner, Parlando Prosa, Berlin

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    • Von Konrad Heidkamp
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 33/2002
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