A U T O B I O G R A F I E Das Hohe Lied auf die Freiheit
Ralf Dahrendorf schreibt ein anmutiges Buch über seinen Werdegang
Autobiografien sind ein heikles Genre. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie Ralf Dahrendorf, der - einen anonym bleibenden jungen Historiker zitierend - die Vermutung wiedergibt: "Autobiographien sind Lebenslügen." Ob Lebensleistung oder Lebensbeichte: Zumindest die Gefahr, dem eigenen Leben eine Lebenslogik zu unterlegen, liegt auf der Hand. Aber verläuft ein Leben je zielstrebig und logisch? Im Übrigen wissen wir spätestens seit Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, wie stark Memoiren den Lebenslauf der Wirklichkeit stilisieren - im Interesse des Selbstbildnisses wie der Wirkung auf die Nachwelt. Eigenliebe und Wahrheitsliebe bewegen sich also bei dieser Gattung in einem verführerischen Pas de deux, ebenso prekär wie interessant.
Fairness und Toleranz
Ralf Dahrendorf legt nun Lebenserinnerungen vor, die diesen Pas de deux auf eine höchst anmutige Weise vorführen - klug, knapp, kunstvoll und eben: interessant. Vor allem aber: sehr sympathisch. Dahrendorf bedient sich eines Kunstgriffes, der es in sich hat. Eine bis in die jüngste Gegenwart reichende, bereits geschriebene Autobiografie legte er einfach zur Seite - "Ich legte den Text also gleichsam in ein Tiefkühlfach, worin er auch heute noch ruht, strack und starr" - und nahm einen neuen Anlauf.
Zum Terminus ad quem seines Berichts wählt er seinen 29. Geburtstag, also die Zeit bis zu seiner ersten Berufung als Professor für Soziologie an der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft. "Manchmal kommt es mir vor, als ob jeder von uns ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herumträgt. Die einen bleiben für immer fünfzehn, sechzehn, siebzehn, Teenager also." Warum nun in seinem Falle gerade 28? "Nun, nicht mehr 17, nicht mehr Teenager, und eigentlich auch nicht Twen, Mittzwanziger, aber jedenfalls noch nicht dreißig. Im dreißigsten Jahr werden Zweifel wach." Das kann nun jeder bestätigen, der den Fehler machte, sich Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr, hier von Dahrendorf zitiert, allzu naiv zur pünktlichen Geburtstagslektüre zu wählen. Und auch die Beobachtung, dass das innere Lebensgefühl an irgendeinem Zeitpunkt sozusagen arretiert und alles Spätere im Lichte dieses Terminus erscheint, kann sogleich nachvollzogen werden.
Für den Autobiografen hat dieser Kunstgriff seine unbestreitbaren Vorzüge. Er entgeht den Gefahren der selbstbezüglichen Stilisierung des schließlich Erreichten. Alles, was nach dem selbst gewählten Dreh- und Angelpunkt liegt, wird - so Dahrendorf - als Extrapolation behandelt: "Manches, das Freunde und andere von meinem Wirken wissen, kommt sozusagen nicht vor: die Diskussion mit Rudi Dutschke auf dem Autodach vor der Freiburger Stadthalle zum Beispiel (ich war 38), die ‰Wieland-Europa'-Artikel des unbotmäßigen EG-Kommissars (ich war 42), der Weg nach England bis zum königlichen Ritterschlag (ich war 53) und weiter zur Mitgliedschaft im britischen Oberhaus (ich war 64). Andeutungen zu solchen Erfahrungen gibt es ..., aber die Ereignisse selbst bleiben Anspielungen, Ahnungen allenfalls."
Der Pas de deux als (partieller) Schleiertanz - dieser Kunstgriff hat seine unbestreitbaren Vorzüge zugleich für den Leser. Denn auf diese Weise verbleibt jener Ralf Dahrendorf, den man zu kennen glaubt, hinter dem Schleier der Diskretion (und des Taktes, der vor Selbstlob schützt) weithin verborgen, um jenem Dahrendorf den Vortritt zu lassen, den man, Hand aufs Herz, kaum und gewiss so noch nicht kannte: Die Familiengeschichte, die Jugend im "Dritten Reich" als Sohn eines widerständigen Vaters, die eigene Erfahrung von jugendlicher Auflehnung und Haft, der Bildungsgang des angehenden Philosophen und Philologen zum - wenn man so sagen darf - eigentlich ungelernten und doch Meistersoziologen, die Prägung durch die angloamerikanische akademische Welt, vor allem durch Karl Popper, die kurze Berührung mit (und die schnelle Abstoßung von) der "heiligen Familie" der Frankfurter Schule, die "Beziehung der Nähe ohne Gemeinsamkeit" mit Jürgen Habermas, um nur einen weiteren der Meisterdenker zu erwähnen (nicht zu vergessen seine Geschichte mit der ZEIT) - dies alles fügt sich, im Rückblick wie im Ausblick, aus lauter epigrammatischen Kabinettstücken zu einer Lebensgeschichte ebenso wie zu einer kleinen Geistesgeschichte der Nachkriegszeit und einer Kurz-Geschichte der zweiten deutschen Republik. Erstaunlich also, was sich in einem solchen, was sich in diesem Leben alles verdichtet - fast möchte man, Kleist zitierend, sagen: "So einen Kerl habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen."
Zwei Schlüsseleindrücke aus der Lektüre seien aus der Vielzahl möglicher anderer herausgegriffen - der eine, weil er in bewegender Weise vermutlich an eine der Wurzeln jener gelassenen, politischen Fairness und Toleranz führt, die Dahrendorf kennzeichnet; der andere, weil er die vitale Wurzel seiner Freiheitsliebe zeigt. (Es ist nämlich ein Unterschied, ob man die Freiheit liebt oder die Liberalität nur lehrt.)
Ralf Dahrendorf war einmal, wie sein Vater stets, Sozialdemokrat gewesen, bevor er durch Abwesenheit (in England) und durch unterlassene Beitragszahlungen aus der Mitgliedschaft fiel, äußere Symptome eines innerlich gewachsenen Abstandes. Umso anrührender die folgende Passage, in der sich Vaterliebe und Freiheitsliebe genuin verbinden: "Und dann gab es (im Umfeld des 20. Juli 1944) die Sozialdemokraten, die in Wahrheit genau das Gegenteil von 'vaterlandslosen Gesellen' waren, als welche sie häufig beschimpft wurden. Für sie waren Vaterland, Recht und Sozialismus untrennbar, für niemanden mehr als für Julius Leber. Zudem, und zum Unterschied von anderen Gruppen, waren sie Demokraten. Ich bin politisch andere Wege gegangen, westlichere, liberalere, aber bis heute ist für mich die Welt meines Vaters der Inbegriff des Guten in der deutschen Tradition."
Immun gegen Totalitarismen
Und dann die Tage kurzer eigener Haft: 30 Jahre später sollte Dahrendorf in einer BBC-Vorlesung sagen: "Die zehn Tage Einzelhaft haben jenen fast klaustrophobischen Drang zur Freiheit in mir geweckt, den aus den Eingeweiden kommenden Widerwillen gegen das Eingesperrtsein, sei es durch die persönliche Macht von Menschen oder durch die anonyme Macht von Organisationen." Und heute derselbe: "Wahrscheinlich hat jene Zelle in Frankfurt an der Oder mich sogar immun gemacht gegen die Versuchungen jeder Art von Totalitarismus. Sie hat mich nicht nur immunisiert, sondern auch mit Antikörpern versehen, die ein Leben lang ausreichen sollten." Im Blick auf unseren organisierten Liberalismus von heute erkennt man, fast schmerzlich berührt, das viele Epigonale und das so wenig Erlebte.
Kurzum: ein Hohes Lied auf die Freiheit und die Fairness, ein Dokument des Familiensinns und der Freundschaft - und das ganz ohne Feindschaft. In einem: ein ganz und gar anmutiges Buch, wie ich es zeit meines Lebens kaum gelesen.
Ralf Dahrendorf: Über Grenzen
Lebenserinnerungen; Verlag C. H. Beck, München 2002; 190 S., 19,90
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