100 000 überflüssige Operationen
Cornelia Stolze: "Die fremde Welt der Zahlen", ZEIT Nr. 33
Herr Kollege Gigerenzer unterstellt der Gesundheitsministerin "Irreführung" bei der Einführung eines Mammografiescreenings nach europäischen Leitlinien. Er argumentiert, dass die Senkung der Brustkrebstodesrate von 14 von 1000 auf 10 von 1000 durch ein solches Screening nicht als eine Senkung um "fast ein Drittel", sondern als Absenkung von 0,4 % beschrieben werden sollte. Statt der relativen soll also die absolute Risikosenkung betont werden. Sonst würde die einzelne Frau den Nutzen überschätzen.
In diesem Punkt kann man geteilter Meinung sein! Es bleibt aber dabei, dass die - zugegebenermaßen - geringe Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu sterben, für Frauen in dieser Altersgruppe um ein Drittel sinken würde. Auf die gesamte Bevölkerung bezogen, handelt es sich immerhin um mehrere tausend Frauen. Dies rechtfertigt aus meiner Sicht die oben beschriebenen Maßnahmen.
Die Gesundheitsministerin klärt bei der Begründung der Programme keine einzelnen Frauen auf, sondern die Öffentlichkeit. Wenn ein einzelner Arzt Patientinnen berät, sollte er, wie Herr Gigerenzer, das absolute Risiko und dessen Senkung nennen.
Nicht geteilter Meinung darf man sein, wenn es um die Vermeidung der 100 000 Fälle geht, die sich, nach Meinung von Herrn Gigerenzer, aufgrund von falschen positiven Mammografien nach der Einführung des Screenings einer "kleinen Operation" unterziehen müssten.
Genau diese 100 000 Eingriffe könnten vermieden werden, wenn sich der Vorschlag der Ministerin durchsetzen würde. Derzeit werden durch die geringe Spezifität der vier Millionen Mal pro Jahr durchgeführten "grauen Mammografien" 100 000 Frauen operiert, die nicht operiert werden müssten, wenn stattdessen mit der Qualität der europäischen Nachbarländer wie zum Beispiel der Niederlande gescreent würde (Gutachten des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, Band III/2001). Dies wäre ein enormer Gewinn, selbst dann, wenn es zu gar keiner Verbesserung hinsichtlich der Sterblichkeit an Brustkrebs käme.
Prof. Karl W. Lauterbach, Köln
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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