Gewöhnlich sind Familien für uns romantische Einheiten, durch Bande zusammengehalten - Bande der Liebe, der Fürsorge, des Familiengefühls. Damit haben wir sie über das überhöht, was sie schon im römischen Reich waren: eine Institution. Beide Begriffe beschreiben Familien in modernen Gesellschaften indes nur ungenügend. Es fehlt die entscheidende Erkenntnis, dass Familien Organisationen sind.

Was im romantischen Bild der Familie so erscheint, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, eine Familie zu haben oder zu sein, stellt sich unter Modernisierungsbedingungen als schwere Arbeit der fortwährenden Organisation heraus. Familien sind nicht einfach, auch funktionieren sie nicht von selbst. Viele Eltern sind - und fühlen sich auch - überfordert. Sie vermögen weder ihre Beziehungen noch die Kinder zufriedenstellend zu organisieren. Wenn Eltern sich so äußern, sind sie nicht lieblos, sie verweisen nur auf die täglich anfallenden Probleme und Konflikte, die im Übrigen meistens die Mutter zu bewältigen hat. Nicht nur nach Scheidungen, sondern auch innerhalb der Familien sind die Mütter oft die Alleinerziehenden. Die Gesellschaft stellt kaum Infrastruktur und Ressourcen für die Organisation zur Verfügung.

Wir kennen die Kosten: Die Familienorganisation wird unternehmerisch angegangen, weil die berufstätige Mutter keine Chance hat, vor allem keine Zeit, sich ganz auf Erziehung und Haushaltsführung zu konzentrieren. Zeit zu haben - Zeit für sich selbst, für ihre Karriere - bedeutet für die Frauen, in der Berufskonkurrenz der Männer mitzumischen. Sie sind nicht weniger erfolgreich, weil sie Frauen sind oder weil ihnen eine Rolle zugeschrieben wird, sondern weil sie sich keine Zeitressourcen erobern, die erst die Entlastungen schaffen, die man für Führungskompetenz braucht. Frauen müssen, um Elitenanschlüsse zu produzieren, Zeitregime erobern, die sie so entlasten wie die konkurrierenden Männer.

Mittags macht der Staat zu

Unsere Gesellschaft ist auf den Dienstleistungen nichtberufstätiger Frauen aufgebaut. Die Schule ist nicht erst seit Publizierung der PISA-Studien in die Kritik gerückt: Sie war für berufstätige Frauen immer schon ein Problem, ebenso wie die Kindergärten und Krippen. Öffungszeiten von acht bis zwölf Uhr waren auf Mütter oder teilzeitarbeitende Mütter abgestimmt, nicht aber auf Full-Time-Professionals. Wieso sollten Schüler mittags nach Hause kommen? Wer kann es sich - berufstätig - leisten, mittags ein Essen zu kochen (mit welcher Vorlaufzeit)? Wieso kann der Staat verlangen, die eigenen Kinder ab Mittag zu Hause selber zu beaufsichtigen und sogar mit ihnen Schularbeiten zu machen - das heißt doch, einen Teil der Lehrarbeit mit zu übernehmen?

Die Ganztagsschule, für deutsche Verhältnisse erstaunlich schnell in den Reformdiskurs aufgenommen, würde der Organisation der Familie Entlastung und Struktur verschaffen. Dabei geht es aber nur sekundär um Entlastung der Eltern. Ganztagsschulen wären unsinnig konzipiert, wenn man sie als nachmittägliche Schularbeitsaufsicht interpretierte. In erster Linie geht es um Schule, nicht um betreute Nachhilfe. Die Kinder würden den ganzen Tag professionell angeleitet werden mit Blick auf die sich entwickelnde Wissensgesellschaft und nicht bloß in Verwahrung gegeben. Das bedeutete nicht Anstellung von Aufsichtspersonal, sondern von mehr Lehrern. Das Ziel, die Eltern zu entlasten, lässt sich nur legitimieren, wenn die Kinder professionellere Anleitung bekommen, als Eltern sie bieten können.

Die Überlastung der Eltern - durch Karriere, aber auch durch die Unsicherheit, wie und woraufhin die Kinder erzogen werden sollten - erfordert ein ernsthaftes Umdenken. Die Eltern sind zu unzuverlässigen Partnern ihrer Kinder geworden - zu oft eher neurotische denn orientierende Instanzen, die mal autoritär sind und dann wieder aus schlechtem Gewissen alles durchgehen lassen. Viele von ihnen zeigen den Kindern keine geeigneten Muster für das Lernen von Orientierung und Verantwortlichkeit. Ihre Zeitregime sind nicht in erster Linie auf die Entwicklung von Kindern ausgerichtet - mit schwerwiegenden Folgen für deren soziale und kognitive Entwicklung.