Alles kaputt, alles verloren
Im sächsischen Grimma hat die Flut zwölf Jahre Aufbauarbeit zerstört
Dies ist die Geschichte von Fleischermeister Manfred Keller aus Grimma in Sachsen, dem die Flut das Geschäft weggeschwemmt hat. Genauso gut könnte es die Geschichte von Optiker Matthias Beckel sein, der seinen Laden verlor samt der Inneneinrichtung, die er sich 1995 extra aus dem Schwarzwald liefern ließ, weil er dachte: "So etwas kaufst du nur einmal im Leben!" Oder vom Herrenausstatter Weiland, der kubikmeterweise Anzüge und Hemden und Socken weggeschmissen hat, sich aber zum Stall im Garten, wo die ersoffenen Kaninchen und Meerschweinchen liegen, noch nicht getraut hat. Oder von Pfarrer Christian Behr, der sich um gleich vier voll gelaufene Häuser kümmert - Kirche, Pfarramt, Gemeindezentrum und sein Wohnhaus - und noch Dutzende traumatisierte Menschen betreut. Genauso gut könnte es die Geschichte von mehr als 3000 anderen Leuten aus Grimma sein. Oder von Menschen aus Glashütte, Döbeln und Pirna.
Dies ist aber die Geschichte von Fleischermeister Keller, Markt 1, 04668 Grimma. In schwieriger Zeit, vor 25 Jahren in der DDR, hat er das Geschäft von seinem Vater übernommen. Seit 1990 investierte er rund 2,5 Millionen Mark. Just vor drei Wochen war er fertig geworden mit seinem persönlichen "Aufbau Ost", auch der letzte Küchenraum war nun neu gefliest. Alles zerstört, alles verloren. "Wenn meine Tochter nicht wäre", sagt der 48-Jährige, "ich weiß nicht, ob ich noch mal von vorn anfangen tät."
Sein Grundstück beginnt vorn am Markt mit dem schmucken Laden, helle Kacheln, achteinhalb Meter Kühltheke, ein Kristallleuchter. Jede Woche verkaufte er eineinhalb Tonnen Fleisch, Wurst und Mittagsmenüs, die seine 13 Beschäftigten hinten im Haus in mehreren Küchen, Kühlräumen und Räucherkammern produzierten. Als seine Leute halb sechs am Dienstagmorgen vergangener Woche zur Arbeit kamen, wateten sie schon durchs Wasser. Den Keller hatten sie in der Nacht zuvor leer geräumt, denn es war ein Hochwasser angekündigt: eine Flut wie die von 1954, der schlimmsten bisher, als die Mulde knietief auf dem Marktplatz stand. Also hatten sie in der Fleischerei die teuersten Geräte hoch auf die Regale gestellt. Um halb acht stand die Brühe schon bis zur Brust. Manfred Keller trug drei Präzisionswaagen und zwei Aufschnittmaschinen in den ersten Stock, dann fiel ihm seine Mutter ein, die im Hinterhaus wohnt.
Aber auf den Hof kam er schon nicht mehr, weil die Strömung gegen die Türen drückte. Er stieg über die Dächer nach hinten und kletterte mit der 80-jährigen Frau zurück. Einen Zentimeter unter der Ladendecke stand das Wasser.
"Es ging so was von schnell", sagt Keller. Nach heftigen Regenfällen war die Mulde rasant angestiegen. Vor Grimma macht der Fluss eine scharfe Rechtskurve, zwängt sich zwischen einen Felsen mit dem Stadtwald und die Grimmaer Altstadt. Normalerweise. Dienstag letzter Woche war ihm das zu umständlich, geradewegs schoss er in die Stadt. Die Straßen neben dem Fluss wurden zu rasenden Strömen. Die Feuerwehrmänner, die mit Schlauchbooten Hunderte Menschen retteten, fühlten sich wie beim Wildwasserrafting.
So schnell sie gekommen war, verschwand die Mulde wieder - und hinterließ weitaus schlimmere Verwüstungen als in Dresden, wo die Elbe allmählich stieg und Zeit ließ zur Vorwarnung. Fundamente wurden unterspült, Häuser sackten zusammen. In der Töpferstraße riss die Mulde eine Fassade weg
das zweistöckige Wohnhaus sieht nun aus wie eine Puppenstube. Bis zu zwei Meter tief wurden Straßen ausgefräst. Die alte Muldebrücke, die 300 Jahre lang alle Fluten überstand, ist eingefallen. Unten an der Mühle sind an einer Hausecke die historischen Pegelstände verzeichnet: 1926 knöchelhoch, 1974 bis zum Bauchnabel, 1954 bis zum Kopf. In gut drei Meter Höhe, am obersten Strich, steht die Jahreszahl 1771. Jetzt ist die Wand noch zwei Meter darüber durchnässt. Etwa 700 Häuser wurden beschädigt, etliche werden noch zusammenbrechen, sobald die Lehmwände trocknen und wegsacken. Bürgermeister Matthias Berger sagt: "Grimma sieht um Welten schlechter aus als nach dem Krieg."
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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