Aufbauhilfe aus Ost-Berlin
Wirtschaftsbuch: Wie die SED dem Westen auf die Beine half
Wut kann sehr nützlich sein. Ein entschlossenes "Denen werde ich es zeigen" weckt ungeahnte Kräfte. Solche Rage scheint Hermann Golle angetrieben zu haben, als er für sein Buch Das Know-How, das aus dem Osten kam recherchierte. Der Ingenieur aus Dresden trägt unzählige Geschichten von erfolgreichen westdeutschen Firmen zusammen, die ihre Wurzeln im Osten haben.
Mit einem enormen Aufwand verfolgt er Produkte bis zu ihren Wurzeln in Leipzig oder Pirna, von Audi bis Odol, von der Schokoladenmaschine bis zum Schiffsdiesel. Er porträtiert Erfinder und nennt die Orte, in denen die ersten Fabriken standen - ob von Melitta, von Wella oder Agfa.
Mit all diesen Beispielen will Golle seine These stützen: Das westdeutsche Wirtschaftswunder profitierte von der Politik der SED im Osten. Durch die Abwanderung von qualifizierten Fachleuten aus der DDR und durch die Vertreibung der Firmenbesitzer erhält die "Bundesrepublik quasi über Nacht ein Wissenschafts- und Technikpotential (...), wie es dort vor dem Zweiten Weltkrieg nicht vorhanden war". Golle sieht einen Beleg dafür im Anstieg des westdeutschen Bruttosozialproduktes zwischen 1949 und 1950 um 100 Prozent.
Dieser Sprung könne nicht allein durch den Marshallplan erklärt werden.
Entscheidend zum Wirtschaftswunder hätte auch die teilweise weltweit führende Technik aus der DDR und das von dort abgezogene Kapital beigetragen. Seine Beweiskette beschreibt einen wenig bekannten Puzzlestein der deutschen Geschichte, und es lohnt sich, ihn zu kennen. Das Buch ist lesenswert, trotz seiner stellenweise wutgefärbten Sprache.
Leider weiß der Autor nicht genau, auf wen er eigentlich wütend ist. Auf die SED-Regierung, so viel ist klar. Natürlich auch auf die sowjetischen Kommunisten, die Fabriken demontierten. Wütend ist er aber auch auf westdeutsche Unternehmer, die ihre ostdeutschen Wurzeln vergessen wollen. Und dann sind da noch einige westliche Profiteure ostdeutscher Erfindungen, die nun das Märchen vom "faulen Ossi" verbreiten, der selbst an allem schuld sei.
Menschen, die wie Golle die Geschichte nicht als "Zufall, Schicksal oder Fügung" sehen. Dabei hätte alles auch anders kommen können. Ein ganzes Kapitel widmet Golle dem Gedankenspiel: Was wäre eigentlich passiert, wenn der russische Sektor im heutigen Westen gelegen hätte? Die großen Werften in Hamburg wären demontiert und gen Moskau verschickt worden, ebenso wie Maschinenbaufabriken und Lkw-Werke. Enteignungen bei VW und Bosch, Sprengung der Rüstungsunternehmen. Der VW Käfer wäre zum Trabant abgespeckt worden, produziert vom VEB Automobilwerk Stuttgart.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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