Aus der Balance
Lucrecia Martels Film "La Ciénaga - Der Morast" nimmt die argentinische Krise vorweg
Manche Filme werden mit dem Fallschirm abgeworfen. Unbemerkt trudeln sie vom Himmel hernieder, ohne dass ihnen irgendein Ruf vorauseilt. Meistens kommen sie aus Filmländern, die in der Versenkung verschwunden sind, gedreht von Regisseuren, deren Namen man noch nie gehört hat. Manchmal und mit ein bisschen Glück wird einer dieser Filme mitten über einem Festival abgeworfen, etwa der Berlinale, wo er wahrscheinlich in der Morgenschiene des Wettbewerbs landet - und damit den Kampf gegen eine Menge wohlig-warmer Kritikerbetten schon verloren hat. Trotzdem kommt es vor, dass bei der Vorführung ein paar hundert Leute im Kino hängen, vielleicht aus Neugierde, vielleicht, um nichts zu verpassen und gegebenenfalls einfach weiterzudösen. Oder auch um plötzlich hellwach auf die Leinwand zu starren.
An einem trüben Februartag des vergangenen Jahres krachte La Ciénaga - Der Morast, der Film der jungen Argentinierin Lucrecia Martel, mit einem großen Knall durch die Decke des Berlinale-Palastes. Die Bilder, die in diesen völlig verheißungslosen Morgen hereinbrachen, waren so fremd und dennoch stimmig, so seltsam angeschnitten und dabei doch so genau komponiert, dass man sich ihrem Rhythmus einfach überlassen musste wie einem Rausch, den man nicht kennt und trotzdem verführerisch findet. Andererseits wirken solche euphorischen Beschreibungen auch ein bisschen absurd bei einem Werk, dessen erste Szenen so bleischwer und bedröhnt sind wie schon lange kein Filmbeginn.
Im Grunde könnten es auch sonnenbebrillte Außerirdische sein, die am Anfang von Martels Film mit verrutschten Sommerkleidern und Badehosen am Pool herumlungern. Ein lethargisch in sich versunkenes Grüppchen, das schon seit Urzeiten mit Wein und Cognac an den Liegestühlen zu kleben scheint. Die Atmosphäre drückt, die Wolken hängen tief, und in den Bergen grummelt verhaltener Donner. Irgendwann durchstößt den Alkoholnebel ein fallendes Glas. Eine schwankende Frau verletzt sich schwer an den Scherben, ohne dass die anderen überhaupt Notiz nehmen. Im nahen Wald versinkt eine Kuh im Morast.
Der Februar im Nordwesten Argentiniens ist schwül. So schwül, dass man die Zeit am besten auf dem Land verbringt, wo es genauso schwül ist. In die Sommerfrische, die keine ist, fährt auch Mecha, eine Mutter um die 50, mit ihrer Familie. Die Kinder rennen mit Gewehren durch den Wald oder baden im ekelhaft trüben, vielleicht schon fauligen Wasser des Pools. Das Indio- Dienstmädchen scheint nicht mehr ganz bei der Sache und die Töchter sind mächtig am Pubertieren. "Nichts funktioniert mehr", findet die Hausherrin und schenkt sich noch einen nach.
Moral ist für den Fernseher
Lucrecia Martels Regiedebüt entstand noch vor der Eskalation der argentinischen Wirtschaftskrise, vor dem Zusammenbruch der Regierung und dem allgemeinen Chaos, doch La Ciénaga legt sich wie ein vorausahnendes Metapherngespinst über eine Gesellschaft am Rande der Katastrophe. Vom einstigen Glanz des prosperierenden Bürgertums zeugen nur noch die dürftigen Reste der Pfefferplantage. Während der Hausherr sein Vermögen versoffen und mit wechselnden Geliebten durchgebracht hat, die Kinder sich selbst überlassen oder schon zu machistischen Muttersöhnchen herangewachsen sind, stehen die Sündenböcke des Verfalls längst fest. Es sind die Indios, die mit angeblich perversem Sexleben, notorischer Klaulust und lotterhaften Sitten für praktisch alles herhalten müssen, was in diesem Haus, in diesem Land und auf der Welt nicht klappt.
Einschenken, trinken, ausschwitzen, einschlafen, aufwachen - der Lebensrhythmus der ewig mit Sonnenbrille im Bett liegenden Familienmutter legt sich über den gesamten Film. Dabei ist das Trinken nur eine der vielen Strategien, mit der unbestimmten Sehnsucht klarzukommen, aus der das Leben manchmal besteht. Man kann sich auch die Haare färben wie Mechas Mann, das Dienstmädchen anhimmeln wie ihre Tochter oder von einem unbeschwerten Cousinenausflug ins nahe gelegene Bolivien träumen. Merkwürdige Weitwinkelaufnahmen und immer leicht verschobene Perpektiven erzählen davon, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist oder nie im Gleichgewicht war. Auch die kleinen Narben in den Gesichtern der Kinder verweisen auf eine Destabilisierung, mit der sich alle arrangiert haben. Überhaupt wird viel gestürzt und geschnitten in diesem Haushalt. Aufschneiden, zunähen, verbinden - ein anderer kreatürlicher Rhythmus.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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