Beten zum Gott des Liberalismus
Die Philosophie des politischen Liberalismus hat ein kompliziertes Verhältnis zur Religion. Ihre Grundlagen wurden im 17. Jahrhundert gelegt, um eine neue Ordnung auf den materiellen und geistigen Verwüstungen der europäischen Religionskriege aufzubauen. Als John Locke 1689 in seinem ersten Brief über die Toleranz die Sphären schied, in denen jeweils die Religion beziehungsweise die weltlichen Autoritäten das Sagen haben sollten, zog er die Grenzen nach Maßgabe der Vernunft, nicht der Religion. In den folgenden beiden Jahrhunderten bildete der Liberalismus eine Allianz mit dem Unternehmergeist, der Wissenschaft und der Demokratie, während die Religion allgemein als eine reaktionäre Kraft angesehen wurde, die in ihre Grenzen verwiesen und eingedämmt gehörte. Im 20. Jahrhundert hatte sich der Liberalismus gegen die politischen Religionen des Kommunismus und Nationalsozialismus zu behaupten. Am Ende des Jahrhunderts konnte es einen Moment lang scheinen, als hätte der Liberalismus über alle ernst zu nehmenden Gegner gesiegt und sei alternativlos geworden. Er würde sich künftig nur selbst gefährden können: Für diese - wie wir heute wissen - Illusion stand die Metapher vom "Ende der Geschichte". Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine neue Herausforderung auf den Plan getreten, die abermals Kraft aus der Religion bezieht. Der Einsturz der Zwillingstürme wird auf absehbare Zeit das Symbol dieser Auseinandersetzung sein.
Höchste Zeit also, sich des Verhältnisses der liberalistischen Philosophie zur Religion neu zu vergewissern. Peter Berkowitz, der an der George Mason University Law School in Arlington lehrt und seit Jahren über die Grundlagen des klassischen Liberalismus publiziert, fragt nach dem Verhältnis des wichtigsten Vordenkers des zeitgenössischen Liberalismus, John Rawls, zur Religion. Es stellt sich heute, unter dem Eindruck der religiös motivierten Feinderklärung an den Liberalismus, mit neuer Dringlichkeit eine alte Frage: Ob das Toleranzprinzip, dieser zentrale Systembaustein liberaler Konzeptionen einer gerechten Ordnung, tatsächlich rein aus der Vernunft begründet werden kann - oder ob es nicht doch abhängig von einem Glauben ist, wie die Kritiker der liberalen Tradition, zuletzt unter der Fahne des Kommunitarismus, immer wieder behauptet haben.
Das Toleranzprinzip lässt sich in seiner letzten Rawlsschen Fassung etwa so umschreiben: Keine Konzeption des Guten, wie vernünftig und wie wohlbegründet sie auch immer sein mag, berechtigt ihre Vertreter dazu, mithilfe staatlicher Zwangsgewalt Dinge durchzusetzen, über die zwischen Bürgern vernünftige Meinungsverschiedenheiten bestehen. Bürger, die einander als freie und gleiche Personen betrachten und dieses Prinzip anerkennen, werden hingegen über jene Grundrechte und Grundfreiheiten übereinstimmen, die dem Einzelnen einen Schutz gegen entsprechende Übergriffe gewähren. Sie werden auch darauf achten, dass die politischen Prozesse und Institutionen in solcher Weise organisiert sind, dass Entscheidungen auf der Grundlage einer Konzeption des Guten, über die begründeter Dissens besteht, ausgeschlossen werden können.
Der Wille, bei Anerkennung des unvermeidlichen Dissenses in wichtigen moralisch-politischen Fragen dennoch zu fairer Kooperation unter Gleichberechtigten zu kommen, ist Ausweis einer "öffentlichen Vernunft", die sich nach Rawls "politisch, nicht metaphysisch" begründen lässt.
Berkowitz findet Rawls' Anspruch auf eine "nichtmetaphysische" Grundlegung liberaler Prinzipien nicht vollkommen überzeugend. Es lasse sich kaum aufrechterhalten, dass seine Konzeption unabhängig sei von weitgehenden moralischen Behauptungen und durchaus kontroversen Grundprinzipien. Die nach Rawls in unserer Vernunft gewissermaßen eingebaute Annahme, Konsens, Fairness und Gleichheit seien gute Dinge, impliziere selbst ein moralisches Urteil und sei mit Meinungen über Metaphysik und die letzten Dinge untrennbar verwoben.
Berkowitz beobachtet, dass Rawls bei seiner Lektüre von Kant einem Problem seines eigenen Denkens auf der Spur ist: "Die religiösen, gar pietistischen Aspekte der Kantschen Moralphilosophie scheinen offensichtlich", hat Rawls einmal geschrieben. "Jede Darstellung, die sie übersieht, verfehlt vieles Wesentliche." Man könne versucht sein, von Rawls' Philosophie zu sagen, was dieser von der Kants sage. Die Frage bleibe, so Berkowitz: "Wie kann das moralische Gesetz zugleich eine Vernunfttatsache sein und der Rechtfertigung durch einen Glauben bedürfen?" Womöglich handele es sich hier nicht um eine Konfusion im Denken von John Rawls, meint Berkowitz, sondern um eine Grundspannung des liberalen Denkens selber. Jörg Lau
Peter Berkowitz: John Rawls and the Liberal Faith The Wilson Quarterly, Spring 2002
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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