Bloß keine Lippenbekenntnisse mehr
Was drei deutsche Vorreiter des ökologischen Wandels vom Umweltgipfel in Johannesburg erwarten
Wer in Zeiten der Globalisierung nicht mehr weiß, wo die Politik gemacht wird, der kriegt im Heidelberger Rathaus eine Antwort. Dort zeichnet die sozialdemokratische Oberbürgermeisterin Beate Weber gern eine Welt-Treppe, auf deren Stufen sie die Entscheidungsebenen kritzelt: Gemeinden, Regionen, Nationen, EU, Vereinte Nationen. Dann springt ihr Bleistift zwischen der obersten und der untersten Stufe hin und her: "Das Wichtigste", sagt sie, "passiert längst lokal und global."
Heidelbergs Oberbürgermeisterin Beate Weber ist - ihre Theorie selbst verkörpernd - zugleich im Vorstand der globalen Umweltorganisation der Städte, ICLEI (The International Council for Local Environmental Initiatives). Derzeit befindet sie sich auf dem Sprung nach Johannesburg - zum Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen. Dort werden ab Montag Zigtausende von Experten wie sie bei der vielleicht größten Konferenz aller Zeiten ihre Praxiserfahrungen austauschen, neue Netzwerke spinnen. Auf diplomatischer Ebene allerdings sind noch kaum harte Übereinkünfte in Sicht für das Ziel, dem Süden Entwicklungschancen einzuräumen, ohne den ökologischen Kollaps des Globus zu riskieren. Einige Nichtregierungsorganisationen (NGOs) rufen sogar zum Boykott des "Konferenzzirkus" auf. Was also erwartet Beate Weber, was erwarten andere Johannesburg-Reisende - ein Unternehmer, ein NGO-Aktivist, der federführende Minister - vom Mammuttreffen in Südafrika? Und was hat im Rückblick der "Erdgipfel" von Rio de Janeiro im Jahre 1992 gebracht?
OB Weber zögert keine Sekunde: Die Agenda 21, der auf dieser Konferenz beschlossene Aktionsplan der Vereinten Nationen für Umweltinitiativen auf globaler, nationaler und lokaler Ebene, "war unglaublich wichtig - und ist weltweit am erfolgreichsten lokal umgesetzt worden". Tatsächlich machen allein in der Bundesrepublik über 2000 Agenda-Gemeinden Gerechtigkeit, Bürgerbeteiligung, Klima- und Naturschutz ausdauernd zu ihrer Sache. Allen voran die Universitätsstadt am Neckar, wo 1997 ein ökologisch durchdachter Stadtentwicklungsplan entstand. Ungetrübt sind die Erfolge der früheren Europaparlamentarierin Weber freilich nicht. Zwar sparten Firmen Abfall und Energie
es engagierten sich Autohäuser, Anstreicher, Konditoren, selbst Friseure. Busfahrpläne wurden verdichtet, Solardächer und Blockheizkraftwerke gefördert. So reduzierten sich die Abfälle in zehn Jahren um 50 Prozent, der Energieverbrauch in kommunalen Gebäuden um 30 Prozent, der öffentliche Nahverkehr hatte viel mehr Nutzer. Und doch: Der CO2-Ausstoß der Stadt erhöhte sich insgesamt um 6 Prozent.
Beate Weber schaut auf den malerischen Kornmarkt, zuckt mit den Achseln, na klar: immer neue Großgeräte in Unikliniken, Computer in jedem Haushalt und Büro - hinter einer "endlos wachsenden Stromerzeugung" bleiben die Anstrengungen zum Energieeinsparen immer noch zurück. Immer mehr Flächen seien bebaut worden. Ganz zu schweigen von der Zunahme des Autoverkehrs, bei dessen Bekämpfung sie sich vorkomme "wie bei der Echternacher Springprozession". Doch unermüdlich will Beate Weber in Johannesburg für mehr Dezentralisierung auch in jenen Ländern streiten, in denen "Gemeinden nicht mal Abfallgebühren erheben dürfen". Und dafür, dass Firmen verbrauchsärmer produzieren und vermarkten.
Der Bleistiftfabrikant Anton Wolfgang Graf Faber-Castell aus Stein bei Nürnberg hat dafür ein offenes Ohr. "Ich will kein Musterschüler sein," wehrt er zwar nobel ab, "mich interessiert nur meine kleine Welt." Doch im Widerspruch zu solchem Understatement ist der 61-Jährige ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Und seine Welt ist so klein nicht: Neben dem Firmenstammhaus umspannt sie 14 weitere Standorte von Kolumbien bis Malaysia, an denen 5500 Mitarbeiter des Marktführers alljährlich 1,8 Milliarden Schreibwerkzeuge produzieren.
Schon in Rio ließ der sportliche Herr im Maßanzug Bleistifte aus Pinus caribea verteilen
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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