Dämon aus der Glühbirne
Salzburger Festspiele: Andrea Breth inszeniert Schnitzlers "Das weite Land"
Sex unter Jugendlichen habe Verabredungscharakter, stand kürzlich in dieser Zeitung zu lesen. Man verabredet sich fürs Bett, wie man sich fürs Schwimmbad verabredet. Man leiht sich die fremde Haut und stellt die eigene zur Verfügung. Lieben muss man sich dafür noch lange nicht. "Gib mir deinen Saft, ich geb dir meinen", rappen die Fantastischen Vier, lauter harmlose Jungs aus Stuttgart. Unsere Kinder haben keine Herzensangelegenheiten mehr miteinander, sondern Drüsenangelegenheiten.
Wie lächerlich muss ihnen das Wahrhaftigkeitstheater der Alten vorkommen, die zwar auch auf Körper scharf waren, aber zum Saftaustausch immer einen "Roman", eine Liebesgeschichte, einen Wahnsinn hinzuinszenieren mussten.
Es gibt eine Dramenfigur, die 1911 die Bühnen betrat und den Kids unserer Tage vielleicht näher steht als den eigenen Zeitgenossen: Friedrich Hofreiter, der Glühbirnenfabrikant aus Schnitzlers Tragikomödie Das weite Land. Hofreiter glaubt zwar noch an den Saft, aber nicht mehr an die Geschichten. Das quält ihn, Saft allein macht ja nicht glücklich.
In Andrea Breths Salzburger Neuinszenierung von Das weite Land spielt Sven-Eric Bechtolf einen Hofreiter, der die "Geschichten" zwischen den Menschen nur im Schnelldurchlauf erträgt. Er hat das Amourentheater schon zu lange mitgemacht. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, immer wieder männliche Hauptrollen zu übernehmen.
Den Mann hat der Todesgrimm gepackt: Er durchschaut und entwertet alles Glück, er will schnell zur nächsten Frau, aber er fürchtet sich vor der letzten Ankunft. Er treibt zur Eile, aber er hat kein Ziel. Also widmet er sich Stilfragen und Bewegungsdetails. Da das Ziel fürchterlich ist, bleibt nur der Weg.
Bechtolfs Hofreiter besitzt eine grandiose, dunkle Autorität: Er ist das Schreckgespenst des nur für sich selbst haftenden und wirtschaftenden Ich. So finster-unduldsam war vielleicht noch kein Schauspieler zu dieser Figur.
Dieser Hofreiter tut nichts, um anderen zu gefallen, aber alles, um sich zu gefallen. Wenn er über die Bühne geht, sieht es aus, als tanze er einen Stehblues mit sich selbst.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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