Das Duell
An diesem Sonntag treffen der Kanzler und sein Herausforderer im Fernsehen aufeinander. Eine Beurteilungshilfe
Was zählt
Der Unterschied zwischen einer heillosen Prügelei und einem ordentlichen Boxkampf hat einiges mit den Punktrichtern zu tun: Die haben zu entscheiden, ob ein Tiefschlag ein Tiefschlag war und dieser rechte Haken da eben ein Volltreffer oder eine Luftnummer.
Nun sollen sich Edmund Stoiber und Gerhard Schröder ja nicht wirklich prügeln, wenn sie am Sonntag zum ersten TV-Duell unter Kanzlerkandidaten aneinander geraten. Aber ihr Zweikampf wird schon wie ein Boxspektakel angekündigt: Die Kandidaten, so ist überall zu lesen, steigen in den Ring zum offenen Schlagabtausch. Und es dürfte kaum ein Zufall sein, dass als Debattenregisseur ein gewisser Volker Weicker fungiert, der mit Boxübertragungen bei RTL gezeigt hat, wie eine Stunde der Wahrheit oder ein Kampf der Kämpfe zu inszenieren ist.
In dem nebenstehenden Formular finden Sie, verehrte Ringrichter, eine Möglichkeit, beim bevorstehenden Gigantenkampf den Sieger nach Punkten zu ermitteln. Einfache Strichlisten, in denen die wichtigsten Auffälligkeiten vermerkt werden, ergeben Zwischensummen, die dann zum Endergebnis zu addieren sind. (Achtung: Plus- und Minuspunkte getrennt zusammenzählen!)
Es mag etwas kokett erscheinen, diese politische Diskussion anhand der Äußerlichkeiten zu beurteilen - dem erhobenen Zeigefinger, dem Blickkontakt oder der Verwendung von Standardfloskeln. Doch gleich zwei relevante Berufsgruppen, Wahlkampfmanager und Verhaltensforscher, legen dieses Vorgehen nahe. Letztere behaupten schon lange: Kommunikation wird auch beim wahlberechtigten Homo sapiens zu einem Großteil von optischen Faktoren wie Mimik und Körpersprache bestimmt. So gehen beim Menschen 40 Prozent des sensorischen Eingangs über die Augen, vorm Fernseher eher noch mehr. Wie wichtig Gesichtsausdruck und Körpersprache für uns geblieben sind, verdeutlichen Evolutionsbiologen mit der Tatsache, dass der Mensch eine leistungsfähigere Mimik und Gestik hat als etwa Gorillas und Schimpansen - obwohl denen die komplexe Sprache fehlt. Heißt: Wer ein Bild abgibt, von dem wird sich ein Bild gemacht. Schröders und Stoibers Parteimanager wissen also, warum sie beim Aushandeln der Debattenmodalitäten knallhart um kleinste optische Details gerungen haben. Schröder (1,74 Meter) wollte gern sitzen, Stoiber (1,86 Meter) lieber stehen
verhandelt wurde über Kamerawinkel, Hintergrundfarbe, Beleuchtung - auf dass die bessere Politik gewinnen möge.
Das Strichlistenformular ist nicht gerade streng objektiv. Denn wann jeweils ein Treffer erzielt oder etwa eine Selbstverständlichkeit proklamiert wurde, bleibt ganz dem Gutdünken der Punktrichter überlassen. Und noch eins ist wichtig: Sie müssen nicht unbedingt den Punktsieger wählen. Es gibt ja auch noch die Parteiprogramme. Oder gar politische Überzeugungen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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