Das öffentliche Kind
Seit fast fünf Jahren hält die ARD ein kleines Mädchen unter Dauerbeobachtung
Natürlich haben wir uns überlegt, ob man das mit einem Menschen machen darf, sagt Georg Felsberg. Auch Hartmut Schwenk fragt sich: Kann man das rechtfertigen, ein Kind so aufwachsen zu lassen?
Die beiden Männer machen sich Gedanken um Alissa, ein Mädchen, das bald fünf Jahre alt wird. Sie hat ein rundes Gesicht und braunes Haar. Ihr Lachen ist ansteckend. Und beim Gedanken an ihren Lieblingsfilm Drei Nüsse für Aschenbrödel leuchten ihre Augen. Alles ganz normal. Einerseits.
Andererseits ist Alissa Geschöpf und Geschäft von Felsberg und Schwenk. Seit ihre Eltern sie nach ihrer Geburt in einem rot karierten Tragekorb von der Babystation nach Hause brachten, kann ganz Deutschland sie heranwachsen sehen - mittags in der TV-Sendung ARD-Buffet.
Mehr als 1000 Episoden aus Alissas Leben gingen seit 1998 über den Sender.
Baby Alissa im Schlaf, Alissas erste Schritte, Alissa im Kindergarten. Alissa nackt, Alissa lachend, Alissa weinend. Eine Kindheit im Schaukasten, aufgeteilt in kurze Häppchen von durchschnittlich 90 Sekunden. Eingerichtet von Felsberg, der beim Südwestrundfunk (SWR) für das ARD-Buffet zuständig ist, ausgeführt von TV-Produzent Schwenk, betrachtet von täglich rund einer Million Menschen. Ursprünglich wollte Felsberg was mit Tieren machen - nur wird ein Fohlen so schnell groß. Dann kam jemand auf die Idee mit dem Menschenkind. Es folgte ziemlicher Ärger mit Intendant Peter Voß, erinnert sich Felsberg: Er hatte Befürchtungen, dass zu wenig passiert.
Mit Alissa trifft Abteilungsleiter Felsberg in die Herzen der überwiegend weiblichen Zuschauer (Durchschnittsalter: 63 Jahre), die sich vom ARD-Buffet Rat vom Teledoktor und vom Fernsehkoch holen. Mein größtes Vergnügen ist Alissa, schreibt Sobottaka ins Internet-Gästebuch der Sendung. Und B. W.
vermerkt: Danke an Alissa! Am Wochenende haben wir Alissas Lieblingsessen nachgekocht. Begeisterte Zuschauerinnen schicken dem Sender mehr Kuscheltiere, selbst gehäkelte Bälle und blumengeschmückte Babyölpräsente, als das Kind verkraften könnte. Alle, so scheint es, sind begeistert von der Rubrik Wie geht's Alissa?
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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