Denken wie ein Berg
Die Vereinigten Staaten und ihre große ökologische Tradition - oder: Wie Aldo Leopold im Wilden Westen zum Ethiker der Nachhaltigkeit wurde
Es ist ein Exemplar der Gattung Lobo Wolf oder Mexikanischer Grauwolf - jenes Muttertier, das an einem Herbsttag des Jahres 1909 einen Gebirgsfluss im Apachenland von Arizona durchquert. Am Ufer wird die Wölfin von ihren Welpen schweifwedelnd begrüßt. In dem Moment jedoch, als sie sich das Wasser aus dem Pelz schüttelt, hallen Gewehrschüsse durch den Canyon. Forst-Ranger, die an der Felskante hoch über dem Fluss lagern, haben die Bewegungen im Talgrund bemerkt und reflexartig ihre Waffen aus den Futteralen gerissen. El lobo ist für sie ein Schädling, den es auszurotten gilt.
"Wir erreichten die alte Wölfin noch rechtzeitig", schrieb einer der Schützen 40 Jahre später, als er längst zu einem weltweit anerkannten Pionier des ökologischen Denkens geworden war, "um zu sehen, wie ein starkes grünes Leuchten in ihren Augen erstarb. Ich erkannte damals und weiß es bis heute: Da war etwas für mich Neues in diesen Augen - etwas, das nur die Wölfin und der Berg wussten."
Die Lektion, die er damals erst ahnte, formulierte Aldo Leopold 1944 in einem berühmt gewordenen Essay: So wie ein Rudel Schalenwild in tödlicher Angst vor den Wölfen lebe, so lebe ein Berg in tödlicher Angst vor dem Rudel Wild. Eine Hirschkuh, die sich die Wölfe holen, sei in zwei, drei Jahren ersetzt. Eine Bergflanke aber, die durch zu hohen Wildbesatz kahl gefressen sei, könne sich nicht mehr erholen. Bodenerosion setze ein. Am Ende bleichen auf nacktem Fels die Knochen verhungerter Hirsche neben dem Totholz in der Sonne. Stirbt also der Wolf, stirbt der Berg, stirbt das Wild. Nur der Berg, schreibt Leopold sibyllinisch, habe lange genug existiert, um dem Geheul der Wölfe "objektiv" zuhören zu können. Für sein eigenes Überleben müsse der Mensch lernen, in großen ökologischen Zusammenhängen zu denken: "Thinking like a mountain" - Denken wie ein Berg.
Als Aldo Leopold 1887 in dem Städtchen Burlington am Mississippi geboren wird, ist gerade eine Ära angebrochen, die heutige amerikanische Geschichtsschreiber in Anlehnung an einen Romantitel Mark Twains als gilded age (vergoldetes Zeitalter) bezeichnen. Selfmademen wie Andrew Carnegie, Cornelius Vanderbilt und John D. Rockefeller leben den Amerikanischen Traum: die Anhäufung riesiger Vermögen, scheinbar aus dem Nichts, tatsächlich aus der völlig unregulierten Ausbeutung der Naturressourcen und der menschlichen Arbeitskraft. Es ist eine - zurzeit oft mit den neunziger Jahren des 20.
Jahrhunderts verglichene - Ära der schrankenlosen Expansion und des hemmungslosen Luxuskonsums. Zum Vorbild wird der einst so verhasste und verachtete Lebensstil des europäischen Hochadels.
Thoreau und Emerson träumten einen anderen Amerikanischen Traum Als der Boom beginnt, leben Ralph Waldo Emerson (1803 bis 1882) und Henry David Thoreau (1817 bis 1862) noch. Die beiden Dichter und Denker des New-England-Transzendentalismus haben den Amerikanischen Traum anders erfahren und gedeutet. Inspiriert von der Naturfrömmigkeit der ersten Siedlergenerationen, aber auch vom Geist der englischen und deutschen Romantik, machen sie die amerikanische Wildnis zum Inbegriff von Freiheit und Schönheit, von der Fülle und dem Abenteuer des einfachen Lebens. "Das Wilde sichert die Erhaltung der Welt" ist das Credo Thoreaus, auf das Leopold immer wieder zurückkommt. Die Berührung mit der Welt der Indianer bleibt ebenfalls nicht ohne Folgen für das amerikanische Bewusstsein. Noch leben Krieger wie der Apachenhäuptling Geronimo (1829 bis 1909), aber auch Medizinmänner und Schamanen, die ihre spirituelle Erfahrung von Natur und Kosmos vermitteln können.
Aldo Leopold gehört zur zweiten in der Neuen Welt geborenen Generation deutscher Einwanderer. "Opa" Starker, in dessen Villa der junge Aldo aufwächst, hat als junger Ingenieur beim Bau des Main-Donau-Kanals mitgearbeitet, einem Projekt des bayerischen Königs Ludwig I. Nach dem blutigen Scheitern der Revolution von 1848/49 ist er ausgewandert und hat es als Architekt und dann als Bankier zu einem Vermögen gebracht. Seinem Schwiegersohn ermöglicht er die Gründung einer Schreibtischfabrik, die bald floriert.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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