Der Intellektuellenversteher
Künstler und Intellektuelle nach vier Jahren Rot-Grün: Sie mögen ihren Kanzler, aber Leidenschaft kommt nicht mehr auf. Ein Rückblick
Wann immer Gerhard Schröder Künstler und Schriftsteller zu sich ins Kanzleramt lädt - zuletzt an einem Sonntagvormittag Mitte August -, sind die Begegnungen freundlich. Der Bundeskanzler signalisiert wohlwollendes Interesse, das die meisten auch als ehrlich gemeint empfinden, Autoren, Denker und Darsteller fühlen sich geschmeichelt, wenn das Auge des mächtigsten Mannes auf ihnen ruht. Nie war in der Bundesrepublik größere Nähe zwischen Geist und Macht. "Ratten", "Schmeißfliegen"? Alles vergessen.
Trotzdem bleiben die Kulturpartys spannungslos, eher kühl. Und in dieser Stimmung kehren alle nach den Empfängen zurück, in die Zeitungen, in die Hörsäle, in die Theater und Verlage, in die Akademien und die Gremien: An die Kohl-Jahre kann man sich zwar allzu gut erinnern, an die aufgeblasene Pietà in der Neuen Wache, an Strickjacke und Stölzl, an den närrischen Ernst-Jünger-Karneval in Wilflingen. Aber nun den eigenen Namen, das eigene Schreiben mit Rot-Grün verknüpfen? Nein, lieber nicht. Dafür gibt es Grass und Staeck.
Im Grunde wollten sie in den vergangenen vier Jahren gar nichts Ernsthaftes mehr voneinander, die Intellektuellen nichts vom Kanzler und dieser nichts von jenen. Die Post-68er-Generation in der Kultur konfrontiert die Politik ohnehin nicht länger mit "Projekten". Die Politik benötigt nicht mehr die Kritik des engagierten Intellektuellen, weil dessen Forderungen und Ideale inzwischen regierungsoffiziell sind. Die Vorstellungswelten der "postumen Adenauerschen Linken", der Spontis ebenso wie der Ökopaxe oder SDSler, sind Gesetz geworden, Staatshandeln und symbolische Erinnerungspolitik. Für die Berliner Republik stehen Holocaust-Mahnmal und Jüdisches Museum, nicht neuer Nationalismus und Prestigepolitik.
In den Fallen des Pragmatischen
Seit 1998 hat sich die Bundesrepublik noch einmal und unwiderruflich verwestlicht, im Sauseschritt. Alle deutschen Versäumnisse aus dem Katalog der demokratischen politischen Kultur sind bereinigt. Rot-Grün erledigte: Staatsbürgerschaft, Zuwanderung, Homoehe, Verbraucherschutz, Presserecht, Copyright. So gesehen, haben vier Jahre Schröder den deutschen Intellektuellen die (bisher) beste aller möglichen Welten beschert. Die meisten fühlen eine entsprechende Milieubindung noch immer - und sie würden sie auch gar nicht leugnen. Der Sinn für die alienhafte Fremdheit Edmund Stoibers in der Kultur ist geschärft. Aber auch wenn in diesem Wahlkampf - lebenskulturell gesehen - wieder eine Richtungsentscheidung ansteht, erwächst daraus noch keine Loyalität gegenüber der SPD. Nicht fordernde Liebe schlägt Gerhard Schröder entgegen wie früher Willy Brandt. Stattdessen sehen sich Intellektuelle von der Politik umgarnt - allerdings vor allem in ihrer Eigenschaft als Meinungsmultiplikatoren. Die meisten möchten in Schröders medialer Selbstdarstellung aber keine tragende Rolle spielen.
Die Begeisterung, mit der 1998 die Abwahl Kohls kommentiert wurde, stand damals schon im seltsamen Missverhältnis zur Frostigkeit, mit der die Traditionsintelligenz Schröder begrüßte, jenen Schröder, der die bundesrepublikanische Linke im Hegelschen Sinne aufgehoben und sie in Gestalt Oskar Lafontaines erledigt hat. Als Rot-Grün dann mit einer Verspätung von etwa zehn Jahren antrat, hatte sich die Gesellschaft unter der geistig-moralischen Bremse Kohl weiterentwickelt. Die Modernisierung der politischen Kultur unter Schröder trug nachholenden Charakter. Das ging rasch und war unspektakulär.
Große Gefühle sind heute nicht im Spiel, nichts muss mehr erkämpft werden.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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