Die Gießgemeinschaft
Reinhard Mey ist ausgerastet. Er, der personifizierte Gutmensch, ist tatsächlich ausfällig geworden. Ausgerechnet ein paar brave Hobbygärtner auf Sylt traf die Wucht seines Zorns: Gartennazis nannte der Barde seine Nachbarn, weil deren Dauergemähe seine Nerven zerrüttet hat. Gartennazi ist wirklich kein schönes Wort, aber auch mir macht die Passion, mit der meine Nachbarn ihre Balkone bearbeiten, gelegentlich Angst. In meinem Haus herrscht nämlich ein heimlicher Wettbewerb um den bestbegrünten Austritt. Von morgens bis abends wird geschnibbelt, gerupft und umgetopft. Nur die kreative Leistung des Kiffers im Erdgeschoss fällt etwas ab: Er hat sich darauf beschränkt ein paar Zwergtomaten in sein Cannabis-Wäldchen zu hängen - zur Tarnung, wie er sagt. Bei den anderen Hausbewohnern ist die emotionale Bindung an ihre Topfgewächse so groß, dass sie aus lauter Angst, es könne den Pflanzen etwas zustoßen, die Wohnung kaum noch verlassen. Ein Blumensitter ohne grünen Daumen würde zweifellos mehr Schaden anrichten als Nutzen, denn in den Augen meiner nördlichen Nachbarin weigern sich nur rohe Gemüter, die Existenz der pflanzlichen Seele anzuerkennen. Und wenn so ein Ignorant lieblos mit der Gießkanne wütet, kann das bei den Begonien einen Knacks verursachen, von dem die sich drei Sommer lang nicht mehr erholen. Deshalb verreist meine Nachbarin lieber gar nicht mehr. Sie könnte sich sowieso aus lauter Sorge um ihre Zöglinge nicht erholen, und das Risiko einer verdorrten Zwergchrysantheme ist ihr die schönste Fernreise nicht wert.
Jetzt droht mir großes Ungemach, denn das junge Paar mit den sehr, sehr grünen Daumen aus der Wohnung über mir hat angefragt, ob wir eine Gießgemeinschaft gründen wollen. Eiskalt fuhr mir der Schrecken in die Glieder. Bei mir ist nämlich noch jede Pflanze eingegangen, egal, wie viel und mit welcher Technik ich gieße, unsere Seelen schwingen einfach nicht im Gleichtakt, und das Ergebnis ist jedes Mal niederschmetternd. Nicht auszudenken, wenn ich den ambitionierten Balkongarten der beiden in einen Pflanzenfriedhof verwandelte. Das würden sie mir verständlicherweise nie verzeihen, und alle Mietparteien außer dem Kiffer würden ihre Empörung teilen. Ich müsste mit Kind und Kegel ausziehen. Das gilt es zu verhindern, aber wie lehnt man eine Gießgemeinschaft ab, ohne als Egoist zu gelten?
Vielleicht lasse ich mir zum Schein die Arme eingipsen. Für die gute Nachbarschaft.
Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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