Die Schönheit des Kuddelmuddels
Nach der Flut blickt man in den Dresdener Kultureinrichtungen entschlossen nach vorn: Während in den Kellern noch die braune Brühe schwappt, haben die ersten Museen schon wieder geöffnet
Man muss die Katastrophe auch als Chance begreifen. Das ist so ein Satz, den man sagt, wenn nichts mehr ist wie vorher. Martin Roth sagt ihn, als er sich in seinem Dienstwagen über Schleichwege den Elbhang entlangarbeitet. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen hat soeben Schloss Pillnitz inspiziert, in dem das Kunstgewerbemuseum untergebracht ist. Vorbei an den Wasserarmen, die längst den Haupteingang versenkt hatten und heimtückisch-leise immer weiter in den sommerfriedlichen Park hineinfingerten, hat er sich zum Wasserpalais durchgeschlagen, auf die Terrasse, dem wohl schaurig-schönsten Platz, um die Katastrophe zu besichtigen. Stilvoll steht man hier mitten in der Flut, zwei Hand breit tiefer, wo sonst die elegante Treppe ihren eleganten Schwung hinab zum Wasser ansetzt, rauschte der Fluss vorbei, majestätisch, nach Öl stinkend, ganze Scheunendächer, halbe Baumgruppen auf das filigrane Palais katapultierend, seine Fundamente unterspülend. Die Räume an der Terrasse, wo sonst Möbel von August dem Starken gezeigt werden, waren in der Nacht zuvor hastig leer geräumt worden, alles hinauf in den ersten Stock des Bergpalais. Die Kunstwerke wurden binnen Stunden gerettet, aber bis sie wieder an ihrem angestammten Platz sind, werden Wochen, vielleicht Monate vergehen. Das soll eine Chance sein?
Zumal es in den anderen Sammlungen des Direktor Roth kaum anders aussieht.
Als das Wasser in der vergangenen Woche stieg und stieg, hat man im Albertinum an der Brühlschen Terrasse in wenigen Stunden und unter Lebensgefahr nicht nur 650 Gemälde aus den Depots im Keller geschafft, sondern auch rund 10 000 Skulpturen aus der Abgusssammlung. Die stehen jetzt zusammen mit dem Katalogdepot einfach auf ihren Paletten in den Museumsräumen herum, ein Flohmarkt der Kostbarkeiten, ein nie gesehenes kunsthistorisches Kuriositätenkabinett. Vor Corinths Bathseba lümmelt sich ein fragmentierter Dionysos vom Ostgiebel des Parthenon, aus einem Stillleben van Goghs kullern die Birnen einem ägyptischen Wandfries entgegen. In der Antikenhalle im Erdgeschoss führt nur noch ein schmaler, gewundener Pfad zwischen all den Köpfen, Torsi, Helden, Dioskuren aus Marmor und Gips hindurch, die man hier bis zur Grenze der statischen Belastbarkeit und vielleicht sogar darüber hinaus zusammengepfercht hat. "Ich finde, das sieht interessanter aus als vorher", murmelt Roth. Dass der schwäbische Kulturmanager, der vor seinem Dresdener Engagement für die Expo in Hannover gearbeitet hat, auch ohne die Jahrhundertflut ein bisschen Wallung in die Sammlungen bringen wollte, ist so wenig ein Geheimnis wie seine Vorliebe für museale Wunderkammern. Nun hat die Not die Bestände umgekrempelt, und schon seit Dienstag wird das Ergebnis der unfreiwilligen Neuordnung wieder gezeigt: das Kuddelmuddel in der Halle als Spiegelbild der Sammlungsvielfalt und zugleich Dokument eines Happenings, das beim erschöpften Personal nicht ohne Stolz die "schnellste Räumungsaktion der Kunstgeschichte" heißt. Der Eintritt ist frei. Auch das unversehrt gebliebene Grüne Gewölbe oder die Räume mit den Bildern Caspar David Friedrichs, die man nicht als Behelfsdepot voll gestopft hat, sind schon wieder geöffnet. Wir leben noch!, heißt die Botschaft aus Dresden, wo man fürchtet, zumindest vorübergehend von der Landkarte des Kulturtourismus getilgt zu werden.
Das hoch moderne Depot - vollgelaufen in wenigen Stunden
Andernorts muss aber noch viel Wasser aus den Kellern gepumpt werden. Und das nicht zu schnell, denn wer zu rasch räumt, den bestraft das Grundwasser, das mit aller Macht gegen die Fundamente drückt. In der Gemäldegalerie der Alten Meister zum Beispiel. Hier stapeln sich rund 4000 Kunstwerke aus dem Depot in den Schauräumen, hier waren zunächst auch der Strom und somit Klima- und Alarmanlage ausgefallen. Über die Sicherheitslage wird nur hinter verschlossenen Türen geredet
dass Neugierige bereits über die Absperrgitter rings um den Zwinger klimmen, macht die Museumsleute nervös, und plötzlich erscheint der Schwimmpanzer, der in den Flutnächten vor dem Zwinger wachte, in ganz neuem Licht. In der Sammlung, zwischen den idyllischen Dresden-Ansichten Bernardo Bellottos, die mit der Wirklichkeit draußen nur das so unpassend brillante Sommerlicht gemein haben, ist es drückend heiß: 26 Grad bei fast 65 Prozent Luftfeuchtigkeit, 55 sind normal, bei 70 beginnt die zweite Katastrophe. In Fünfer-, Zehnerreihen lehnen gerettete Bilder an der Wand, aber auch historische Fahnen und Türkenzelte dämmern unter Wolldecken ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Kurzerhand hat man alle Schauräume zum provisorischen Depot erklärt, für das die Kollegen der Berliner Museen spezielle Entfeuchter schickten.
Wenn das Klima wieder stimmt, beginnt die eigentliche Arbeit. Jedes Bild muss nun vom Team der elf Restauratoren eingehend begutachtet werden, denn bei der Notevakuierung wurden Tausende Bilder in einer Zeit bewegt, in der man museumstechnisch korrekt bestenfalls eine Hand voll hin und her trägt. Gibt es Transport- oder Stapelschäden? Ist Brackwasser aus den Kellergängen auf die Bilder gespritzt und beginnt bereits zu schimmeln? Wo hat der Schweiß der Retter seine zerstörerischen Spuren hinterlassen? Kein Bild ist Opfer des Wassers geworden, selbst das knappe Dutzend Großformate, das man nicht mehr aus dem Depot bekam und kurzerhand unter der Kellerdecke vertäute, blieb von der Flut verschont. Eine Spezialwerkstatt ist freilich nötig, wo vier auf großen Holztrommeln bewahrte Bilder entrollt und nach ihrem tagelangen Gebaumel knapp über der Wasseroberfläche sorgsam getrocknet werden müssen.
Untergegangen sind die große Rahmensammlung und der gesamte Bestand an Kunsttransportkisten. Das klingt harmlos, ist es aber nicht, denn die Kisten sind nicht nur teuer, sondern auch so etwas wie eine Nabelschnur zum Rest der Kunstwelt. Der Kunstbetrieb ist ja ein Wanderzirkus, ein Geben und Nehmen der Museen. Wer daran aus welchem Grund auch immer nicht teilnimmt, lebt nicht richtig. Ab 6. Oktober sollen 27 hochkarätige Bilder aus Dresden in Ferrara gezeigt werden, ein europäisches Prestigeprojekt, an dem auch der Louvre und andere große Museen beteiligt sind. Sogar ihren Titel verdankt die Ausstellung einem Dresdener Bild: Garofalos Der Triumph des Bacchus von 1540.
Die Leihgaben standen schon reisefertig im Depot, als sie vor der Elbe in Sicherheit gebracht werden mussten. Sollen sie nun trotzdem verschickt werden? Manche Dresdener Mitarbeiter wollen lieber alle Kraft aufs eigene Haus konzentrieren, aber der Generaldirektor sagt: Da geht's um Europa, da müssen wir hin!
Keine Antwort hat Martin Roth auf die Frage, was aus dem Depot der Alten Meister werden soll. Für die Museumsleute war das hoch moderne Lager unter dem Theaterplatz mit seinem Parkettboden eines der Prunkstücke der Renovierung von vor zehn Jahren. Sicherheit gegen ein so genanntes 50-Jahres-Hochwasser mit einem Pegel von 6,90 Meter sollte es bieten. Doch jetzt gab es, wie Roth immer wieder betont, ein Hochwasser wie zuletzt vor exakt 501 Jahren, Pegel diesmal: fast neuneinhalb Meter. In wenigen Stunden lief das Depot voll, vielleicht war das Ganze doch ein Planungsfehler. Aber wer will darüber richten, jetzt, da noch Kampfflugzeuge und Hubschrauber über der Stadt kreisen, ihr Sound allein bestimmt wird vom Heulen der Sirenen und dem Brummen der Pumpen. Selbst wenn das Depot wieder trocken werden, der große Lastenaufzug wieder funktionieren sollte - "Da kann ich nie wieder Bilder reintun", sagt der General. Was einmal voll läuft, kann immer wieder voll laufen. Da ist sie wieder, die Chance in der Katastrophe: Ein Zentraldepot aller Sammlungen an absolut sicherem, nicht zu weit entferntem Ort, das war schon immer eine von Roths Lieblingsideen. Und vielleicht gelingt es ihm ja im großen Neuordnen nach dem großen Chaos, auch das Zuständigkeitsgewirr für die Sammlungen zu lichten. Denn während die Bestände dem Kultusministerium unterstehen, gehören die Gebäude, die sie beherbergen, in den Hoheitsbereich des Finanzministers. "Bei jeder kleinen Entscheidung reden 20 Leute mit", sagt Roth, nicht mal einen Museumsshop kann er in eigener Verantwortung gestalten.
Wie auch immer sein Imperium nach der Flut aussieht - jetzt braucht er vor allem eins: Geld. 50 Millionen Euro wird allein das Leerpumpen der diversen Kunstkeller verschlingen, schätzt der sächsische Kultusminister Matthias Rössler, von den Schäden im gesamten Elbtal, dem "Rückgrat und Gehirn Sachsens", ganz zu schweigen. "Das ist aus Landesmitteln nicht mehr aufzufangen, wir brauchen nationale Solidarität." Noch ist er optimistisch, ein Zusammengehörigkeitsgefühl wie 1989 macht er aus, als er nach dem Fall der Mauer mit am Runden Tisch saß. Die Katastrophe hat sogar so etwas wie eine neue Jugendbewegung hervorgebracht: die Generation Sandsack. Pausenlos rast sie auf offenen Ladeflächen von Leck zu Leck, wirft sich im nabelfreien Top und attac-T-Shirt zu den Katastrophenprofis von THW und Feuerwehr in die Breschen.
Die Bundeswehr rettet Kunst. Was tut die Bundeskulturstiftung?
Aber wer hilft, wenn der Fluss weg, die Keller in Albertinum, Zwinger, Semperoper, Schauspielhaus, Schloss und Kathedrale noch voll und verwüstet sind? Auch in den Ausgrabungen der historischen Neustadt rings um die rekonstruierte Frauenkirche schwappt die braune Brühe. Bis an den Bühnen die Vorhänge wieder hochgehen, werde es wohl zwei Monate dauern, sagt Minister Rössler zu einem Zeitpunkt, als das Wasser noch immer weiter steigt. Zuletzt stehen die Häuser wie Inseln in der Flut, von der rettenden Außenwelt mit ihren Pumpen, Sandsäcken und freiwilligen Helfern vorübergehend abgeschnitten. Prognosen über die Saisoneröffnung wagt im Moment niemand mehr.
Martin Roth spricht derweil in jedes erreichbare Mikrofon, BBC, Channel 4, russisches Staatsfernsehen, scheut sich nicht, den 11. September als Vergleich für das absolut Unvorhersehbare heranzuziehen. Die momentane Aufmerksamkeit der Medien soll sich mittel- und unmittelbar für die Kunst auszahlen. "Interviews nur gegen eine Spende" heißt seine Parole in einer der ersten Krisensitzungen, in der er gleich zu Beginn die Sache mit dem Spendenkonto regelt (Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e. V., BLZ 850 200 86, Konto Nr. 245 15 65). Schließlich erteilt er doch umsonst Auskunft, aber nicht vergeblich: Drei Millionen Euro verspricht Julian Nida-Rümelin, der Staatsminister für Kultur in Berlin, für die überflutete Kultur, davon soll ein Großteil an die Dresdener Sammlungen gehen. 250 000 Euro für den Zwinger steuert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bei. Größere Hoffnungen setzt Roth indes auf die Bundeskulturstiftung (BKS), auch wenn er weiß, dass sie laut Satzung vor allem "innovative Projekte im internationalen Kontext", am besten im Osten fördern soll. "Aber wenn Bundeswehrsoldaten unsere Skulpturen aus dem Keller retten können, dann kann auch die BKS was für uns tun, schließlich ist das hier Osten, und neu ist die Situation auch."
Prompt summt eines seiner beiden Multifunktionshandys, sein Herrschaftsinstrument nicht nur an Tagen wie diesen: eine E-Mail von Hortensia Völckers, der Programmchefin der BKS. "Lieber Martin, tut mir leid, was passiert ist. Kann die BKS helfen? Es sollte aber was Zeitgenössisches sein ..." Mittlerweile hat die Stiftung zwei Millionen Euro versprochen für alle bedrohten Kulturschätze - und betätigt sich ansonsten als Spendensammlerin.
Roth weiß, dass die Aufmerksamkeit, zumal in einem Wahlherbst, so schnell sinken wird wie der Pegelstand der Elbe. Deshalb klammert er sich an einen Termin, der Dresden nach der Flut wieder ins Feuilleton spülen soll: Am 6.
Oktober soll, wird, muss die Porzellansammlung im Zwinger nach längerer Renovierung wieder eröffnet werden. Zwar ist dort im Keller eine Wand eingestürzt. Aber wer wollte sich davon seine Chancen vermiesen lassen.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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