Die große Flut, die große Dürre
Heftiger Regen und extreme Trockenheit sind Warnzeichen. Es kann noch schlimmer kommen, wenn die Erde weiter aufgeheizt wird
Wasser ist der Ursprung allen Lebens und bringt gleichzeitig Tod und Zerstörung. Gigantische Wassermassen gingen in der vergangenen Woche über Mitteleuropa nieder. Sie hinterließen zerstörte Städte und Millionen verzweifelte Menschen. Die Fluten nahmen sich Wohnhäuser wie Stromfabriken, Bahnhöfe, Kirchen, Schlösser. Wasserwerke mussten ihren Betrieb einstellen.
Millionen kleiner Sandsäcke brachten die Menschen gegen die große Flut in Stellung. Es half nur selten. Die Ostdeutschen, die sich 13 Jahre nach der Wiedervereinigung eine Existenz aufgebaut hatten, traf es am schlimmsten.
Ein Gottesurteil? Hätten Siedlungsplaner, Wasserwirtschaftler und Deichingenieure mit der Jahrhundertflut rechnen müssen? Waren die Katastrophenschützer ausreichend vorbereitet? Vor allem: Trägt der Mensch selber Mitschuld an der Naturkatastrophe? Die Energie, das Klima und die Flut - jahrelang wurde das Thema verdrängt. Nun diskutieren viele ernsthaft über das womöglich gravierendste aller Umweltprobleme: über den zusätzlichen Treibhauseffekt, die vom Menschen angezettelte Erderwärmung, die nicht nur die Wüsten wachsen lässt, sondern womöglich auch die Katastrophe in Dresden und in Bitterfeld, in Passau, Prag und Regensburg verursacht hat.
Die Bild-Zeitung wälzt die Frage, Sabine Christiansens Talkshow, das Berliner Kabinett. Dort fand am Mittwoch vergangener Woche sogar ausnahmsweise einmal Jürgen Trittin Gehör. Der Grüne hütete sich zwar vor der Behauptung, die Jahrhundertflut sei eine direkte Folge der Erderwärmung gleichwohl sähen sich viele Wissenschaftler zu der Aussage veranlasst, referierte der Umweltminister der besorgten Regierungsmannschaft, "dass wir jetzt Auswirkungen des von Menschen verursachten Klimawandels spüren". Gerhard Schröder schien beeindruckt. Er wies Trittin an, das Vortragsmanuskript sämtlichen Kabinettskollegen auszuhändigen - zum vertieften Studium.
Alle Politiker tragen nun Grün Nur aus Schaden wird man klug. Ob der quälenden Unbeliebtheit der Ökologie bewegte dieser Gedanke manchen Umweltschützer schon seit langem - in der vermeintlichen Gewissheit, das Zerstörungswerk eines Wirbelsturm über New York oder Tokyo werde die maßlose Menschheit irgendwann innehalten und auf den Pfad der Tugend zurückkehren lassen. Nun ist es die Gewalt des Wassers in Pirna und in Grimma, die zumindest hierzulande manchen ergrünen lässt. Mitten im Wahlkampf und wenige Tage vor Beginn des bisher kaum wahr-, geschweige ernst genommenen "Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung" im südafrikanischen Johannesburg übertrumpfen sich Politiker aller Couleur geradezu in Bekenntnissen zur Ökologie. Bündnisgrüne finden wieder den Mut, weitere schrittweise Erhöhungen der Ökosteuer zu fordern - während Schwarze verkünden, dass der Umweltschutz für sie zentrale Bedeutung habe. "Für die Union ist das Grüne der rote Faden der Politik", sagte jetzt Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU).
Um keinen falschen Verdacht zu nähren: Deutschland muss sich mit seiner Umweltpolitik nicht hinter dem Tun und Lassen anderer Nationen verstecken.
Jetzt nicht. Und musste es auch nicht vor dem Regierungswechsel vom Herbst 1998. Der Grund dafür ist allerdings eher beunruhigend: Nirgendwo wurde der Umweltschutz bisher wirklich ernst genommen. Zwar schafften es die Industrieländer, ihren Schornsteinen Filter zu verpassen und so die Atemluft zu säubern. Zwar sorgten Kläranlagen dafür, dass Lachs und Hecht in manch einst verseuchtes Gewässer zurückkehrten. Und trotzdem werden Kanzler Schröder und mit ihm jene mehr als hundert Staats- und Regierungschefs, die sich zehn Jahre nach der legendären Rio-Konferenz zum Jubiläumstreffen nach Johannesburg aufmachen, nicht viel Positives zu bilanzieren haben.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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