Eine Dame von Charakter

Paula Fox und ihr neuer New Yorker Konversationsroman

Die Hauptperson ist tot. The Widow's Children, so lautet der lapidare, das Wesentliche gewitzt verschweigende Originaltitel dieses Romans. Wortreich ringt darin die Nachkommenschaft einer spanischen Einwanderin bei Cocktails und Kalbskoteletts mit dem Problem, wie die Lücke zu schließen sei, die der plötzliche Tod der alten Dame gerissen hat.

Lauras Schweigen, der geschwätzige deutsche Titel, zäumt das Pferd von hinten auf. Die Pointe der Fabel liegt nämlich darin, dass nur eine einzige Person, Tochter Laura, vom Tod der alten Dame erfahren hat und der Leichenimbiss in New York von allen anderen für eine Abschiedsparty vor einer Überseereise gehalten wird, zu der Laura und ihr Mann gerade aufbrechen. Indem sie die Todesnachricht verschweigt, verschafft Laura sich einen unschätzbaren Vorteil: Die anderen wissen gar nicht, dass ein Platz zu besetzen ist, um den es zu kämpfen gilt. Laura bestreitet die Todesparty im Alleingang. Ihr Bruder, ihr Mann, ihre Tochter, ihr alter Freund - alle nur ahnungslose Stichwortlieferanten.

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Ein Konversationsroman, könnte man voreilig sagen

nach dem kühlen elegischen Meisterwerk Was am Ende bleibt (1970) und dem warmherzigen Entwicklungsroman Kalifornische Jahre (1972) ist dieses 1976 erschienene Buch das dritte der hierzulande verspätet entdeckten und gefeierten amerikanischen Autorin Paula Fox. Doch von einer mittleren Temperatur kann nach einem genaueren Blick auf das erzählerische Fieberthermometer kaum die Rede sein. Im Binnenraum ihres üppig wuchernden Dialogromans entfaltet Fox ein Mutter-Tochter-Drama von ätzender Schärfe, geschrieben im Geist des Virginia Woolf-Stücks von Edward Albee. Clara, Lauras einzige Tochter aus erster Ehe, ist die heimliche Heldin des Romans, während Laura die offizielle ist

man spürt zwischen den Zeilen die Nähe der Autorin zu Clara, eine Affinität, die sie gleichwohl genauso verschleiert wie Laura ihren großen theatralischen Coup.

Das Intimste ans Licht zerren

Denn erzählt ist der Roman im auktorialen Stil, nicht etwa aus der bescheidenen personalen Perspektive der stillen Clara. So viel Demut wäre Paula Fox offensichtlich des Guten zu viel gewesen. Nein, hier schaltet und waltet eine Alleswisserin, Alleskönnerin, die nicht nur geschliffene Dialoge repetiert, sondern in die Gehirnwindungen ihrer Personage hineinkriecht und das Intimste ans Partylicht zieht. Nicht formale Strenge zeichnet den Roman aus, sondern die unersättliche Lust an der Decouvrierung

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