"Gehet hin und werdet reich!"
Mit pompösen Abschlussfeiern wird in den USA die akademische Elite ins Berufsleben entlassen. Ein Bericht aus Pennsylvania
Ausgerechnet heute. Seit zwei Jahren laufen die Vorbereitungen für die Feier.
Hotels bereiteten sich auf 25 000 Besucher vor. Gärtner harkten Beete und jagten Papierfetzen in den Hecken. Helfer schleppten Berge von Klappstühlen ins Football-Stadion am Rand des Uni-Viertels. Und ausgerechnet heute, am großen Tag, entlädt sich der Himmel in fulminanten Wolkenbrüchen.
Die 160 Mitarbeiter der Universität von Pennsylvania, die als Ordner verpflichtet wurden, fegen jetzt Pfützen von den Gehsteigen und wischen Stühle trocken. Anders als sonst marschieren die Studenten nicht in einem Triumphzug über den Campus. Sie sammeln sich direkt vor dem Stadion. Ein paar maulen. Doch die meisten sind zu aufgeregt, um sich vom Wetter irritieren zu lassen. Wie aufgeschreckte Hühner hüpfen sie in ihren Talaren um die Pfützen, fallen Freunden in die Arme, tauschen Küsschen und Adressen.
It's commencement day. Der Tag, an dem das Studium endet, die Absolventen ihre Examensurkunden erhalten und die Universität feiert: die Studenten, ihre Angehörigen - und am meisten sich selbst. Für alle amerikanischen Hochschulen ist dies der wichtigste Tag im Jahr. Die großen wie die Universität von Pennsylvania, kurz UPenn genannt, brauchen dafür ein Stadion.
Abseits des Gewimmels steht Cristina Teixeira. So ganz versteht sie die Aufregung nicht. Die Zahnmedizinstudentin stammt aus Portugal. Dort stülpt man sich keine schwarzen Barette auf und hüllt sich nicht in Talare, um vor Gästen, die dafür mitunter eine Tagesreise unternehmen, ein Zeugnis entgegenzunehmen - ein Papier, das man genauso gut mit der Post schicken könnte. Auch in Deutschland sind solche Schlussfeiern nicht üblich. Noch nicht.
Die US-Studenten ihrerseits können gar nicht fassen, dass es irgendwo keine Abschlussfeiern gibt. "Echt, gar nichts?", fragt eine festlich ondulierte Absolventin und hält verblüfft mit ihren Bemühungen inne, ihr Barett mit Haarnadeln zu sichern. "Kein Witz?", staunt ihre Freundin. Aber das brauche man doch, zwitschern die beiden einmütig. Für closure. Closure ist eines dieser Worte, die sich so schlecht übersetzen lassen, weil eine ganze Weltsicht dahinter steckt. Closure bedeutet, etwas emotional abzuhaken, sei es eine Scheidung oder ein Studium. Idealerweise wird closure aktiv eingeleitet, mit einem Ritual, das besagt: So, nun ist es gut damit, Zeit, nach vorn zu schauen.
Triumphzug übers Football-Feld
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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