Hier spricht Hagen im Schulfunk zum Volk
Die "Nibelungen" in Worms, von Moritz Rinke zeitgemäß zurechtgeschminkt und von Dieter Wedel inszeniert
Nehmen wir einmal an, ein Reisender wäre zufällig nach Worms gekommen und dort auf die "Nibelungenfestspiele" gestoßen. Naturgemäß hätte er sich darunter nichts anderes als die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg vorgestellt. Er wäre also höchst angenehm überrascht gewesen, dass er inmitten des üblichen Freiluftspektakels den einen oder anderen intelligenten Satz findet, dass der eine oder andere Schauspieler Talent hat, dass Kriemhilds Darstellerin sogar eine Nachwuchsbegabung, die Auffassung Siegfrieds als Skinhead originell und nur Hagen, mit den Zügen eines alternden Bäckermeisters, etwas harmlos geraten ist.
Die touristische Überraschung wäre die Situation gewesen, in der die Wiederbelebung der Wormser Festspielidee, schon vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, aber nur von den Nazis wenige Male verwirklicht, eine ursprüngliche Chance gehabt hätte. Da es sich so ursprünglich aber nicht verhält, da kein örtlicher Spielleiter, sondern der berühmte Fernsehregisseur Dieter Wedel inszeniert, da Kriemhild von keiner Elevin, sondern von Maria Schrader gegeben wird und Hagen keine Fehlbesetzung, sondern Mario Adorf ist, da Uwe Friedrichsen und Götz Schubert und André Eisermann mitspielen, da, kurzum, das ganze Unternehmen, glanzvoll geplant und mit gewaltiger Prominenz umgesetzt, von öffentlicher Aufmerksamkeit schon vorab hysterisch b egleitet wurde, bleibt dem Besucher auf der Galerie nichts anderes, als sein Haupt wie in Kafkas Parabel in die Arme sinken zu lassen und über den falschen Glamour in der Manege zu verzweifeln.
Was als Dilettantenspiel geglückt wäre, ist als Profiunternehmen sensationell gescheitert. Es war ja leider auch kein Dorfschulmeister, der den düsteren Sagenstoff in eine harmlose Freilichtfassung brachte, sondern ein echter, im fernen Berlin gefeierter Jungdramatiker, der aus der Harmlosigkeit ein Programm machte, das mit den Worten "frech" und "undeutsch" gepriesen wurde.
Nun ist das Freche schon durch die Sprache der Damenmode ("freche Dessous") zum Signal der Biederkeit geworden und das Undeutsche, weil von den Deutschen selbst rituell gefordert, zum Synonym für Denkfaulheit. Moritz Rinke (das ist der Dramatiker) saß von allem Anfang an in der Falle der neudeutschen Befindlichkeit, die Entspanntheit zur ersten Bürgerpflicht erhoben hat, und konnte kaum anders mehr, als die Recken der Vorzeit in modischer Reizwäsche zu zeigen.
Nur keine Ungemütlichkeiten
Brünhilde, während sie noch in Island auf das Verhängnis wartet, räkelt sich im Negligé am steinigen Meeresstrand, als käme nicht bald Gunther, sie betrügerisch zu freien, sondern ein Modefotograf. Siegfried trägt nicht nur Glatze, sondern eine schambetonte Lederhose
mit Kriemhild balgt er sich im Grase. Dass gegen Ende Blut in Strömen fließen soll, versteht man gar nicht mehr.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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