"Highlight im Lebenslauf"
Ein Praktikum in New York - der Traum vieler junger Journalisten
Der Redaktionsraum sieht aus, als sei Hannah Ahrendt nur mal kurz raus.
Große Metallschränke drängen sich an den Wänden, der Platz davor ist mit Fünfziger-Jahre-Tischen zugestellt, darauf Berge von Papier und Büchern.
Unter den riesigen, alten Schiebefenstern kriecht heiße Sommerluft hervor, und in der Tiefe lärmt der Broadway. Man könnte meinen, gleich biege die Exilanten-Elite um die Ecke - mal wieder einen Schwung Manuskripte abliefern und nebenbei eine große Debatte anstoßen.
Doch, natürlich, die Philosophin Hannah Ahrendt, der Schriftsteller Lion Feuchtwanger und all die anderen berühmten Intellektuellen, die vor den Nazis in die USA flohen und dort auch für den Aufbau schrieben, sind lange tot. Die Seiten der zweiwöchentlich erscheinenden deutsch-jüdischen Traditionszeitung werden heutzutage von weniger bekannten Menschen gefüllt. Von Menschen wie Heidi Keller. Von März bis Juni war die 26-jährige Münchnerin Praktikantin bei dem kleinen Blatt, das nur eine Hand voll fester Mitarbeiter vorweisen kann und knapp 10 000 Leser. Damit erfüllte sie sich den Traum, einmal in New York zu arbeiten. Und den träumen viele, trällerte Frank Sinatra doch einst: "If you can make it there, you can make it everywhere."
Wirklich ernst nimmt den Spruch wohl niemand. Und doch hat er sich festgehakt, in den Köpfen von Tausenden von jungen Leuten, die jedes Jahr als so genannte interns hierherkommen. Darunter sind viele Deutsche. Sie hospitieren bei den UN, bei Filialen deutscher Unternehmen, in Anwaltskanzleien - und beim Aufbau oder in Korrespondentenbüros, denn auch unter jungen Journalisten ist die Metropole angesagt. Während der Medienmarkt in Deutschland tief in der Krise steckt, versuchen sie durch den Auslandsaufenthalt Punkte zu sammeln - für später, wenn sich das Bewerben wieder lohnt. "Das Praktikum ist ein Highlight in meinem Lebenslauf", ist sich die Germanistin Heidi Keller sicher. Florian Bahrdt hospitierte im Rahmen seines NDR-Volontariats einen Monat lang bei der dpa, er kam jedoch nicht wegen der Karriere nach Big Apple, sondern aus Neugierde. "Für mich war das schon immer die spannendste Stadt der Welt", schwärmt der 27-jährige Politologe, "so viele Ethnien, so viel Kultur, so viel Armut und Reichtum.
Das alles zu sehen und journalistisch zu verarbeiten hat mich gereizt." Nach dem 11. September war er nicht abgeschreckt, sondern bekam noch größeres Interesse, "das alles anzuschauen und zu erleben, wie die Menschen mit den Folgen klarkommen". Mehr Neugier als Angst verspürte auch Julia Kelbling, 26, während ihres zweimonatigen Praktikums im ARD-Studio. "Ein mulmiges Gefühl hatte ich nie, nicht wegen der Terroranschläge und auch sonst nicht - ich bin nachts oft alleine durch die Straßen gelaufen." In Washington, wo sie anschließend eine weitere Praktikumsstation einlegte, habe sie sich "oft mehr gegruselt".
Viel Arbeit für wenig Geld
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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