Hüpft, flattert und macht Spaß
Ein Auto mit genau jenen Mängeln, die Touren über kurvenreiche Landstraßen zu einem sinnlichen Erlebnis machen
British Racing Green, MGB und BSA - die Farbe und die Kürzel standen einst für ein Fahrgefühl, das heute zur puren Sentimentalität verkommen ist. Die BSA 650 war ein Motorrad, das schon beim Anlassen den Einsatz des ganzen Körpers (samt Stiefel) erzwang. Hoch musste man ihn schwingen, dann, auf dem Scheitelpunkt der Parabel, ganz steif machen, um den Kickstarter mit seinem vollen Gewicht zu beeindrucken. Beim ersten Mal klappte es nie, doch umso öfter fuhr einem beim Rückschlag der Hebel in die rechte Wade - oder das ganze abkippende Bike in die linke. Deshalb war der verletzungshemmende Stiefelschaft ein so nützliches Accessoire.
Der MG, eine halbe Million Mal gebaut, war ebenfalls kein benutzerfreundliches Gefährt. Eher ein etwas schnellerer Lastwagen. Das Gesäß lag knapp über dem Straßenbelag, die Schaltbox türmte sich als ein unüberwindbarer Wall zur Sozia auf. Das Getriebe knirschte und knallte, die Schaltung heischte fast so viel Muskelkraft wie Pferdestärken im Motor steckten. Wahrscheinlich musste man auch Zwischengas geben. Doch synchron oder nicht synchron, das ist eine Frage, die sich im Nebel der Erinnerung nicht mehr klären lässt.
Vorbei, vorbei. Der MG TF ist zwar wieder ein echter Rover und kein Billig-BMW wie der Vorgänger MGF, der unter bayerischem Management kein glückliches Leben fristete. Aber unter der neuen Marke der einstigen Morris Garages steckt nicht einmal ein Urenkel des MGB, passt doch der TF-Typ so gut in unsere verweichlichte Zeit wie das elektrische Bratenmesser, die motorisierte Zahnbürste. Das Getriebe schaltet präzise und mit einem eleganten Klick. Die Lenkung? Servo, wie die Bremsen, die Fenster und die Außenspiegel. Nicht einmal das Handgelenk ist gefordert, reicht doch schon ein schlaffer Daumendruck auf den Knopf des Schlüsselanhängers, um die Zentralverriegelung zu aktivieren. Eine Klimaanlage für empfindliche Gemüter hat das Ding auch. Ist das Windschott hochgeklappt, braucht das Haupthaar nur ein bisschen Spray, um auch bei 140 Stundenkilometern in Form zu bleiben. Und das Stoffverdeck? Es schließt tatsächlich fest - und damit jene Pfützen hinter den Sitzen aus, die beim MGF noch einen Rest an altenglischer MGB-Romantik suggerierten.
Der MG TF ist ein hübsches kleines Wägelchen, nicht einmal vier Meter lang.
Vorzugsweise rollt er in Rot über unseren Asphalt, freilich in einem gefälligen Gewande, das ihn irgendwie in der Menge der ebenso rundlichen Mazdas, Barchettas und Z-3s verschwinden lässt - knuffig lautet das neudeutsche Etikett. So funktioniert eben der moderne Kapitalismus: Er produziert endlose Variationen desselben Themas. Aber der Kapitalismus sorgt auch dafür, dass sich der gemeine Arbeitnehmer einen sportiven Wagen leisten kann
der Grundpreis des MG TF liegt bei knapp über 20 000 Euro.
Gibt's für das Geld auch einen richtigen Sportwagen? Das getestete Modell (136 PS) schafft die 100 Stundenkilometer in neun Sekunden und bringt es auf eine Spitze von 205. Nicht schlecht, aber so viel Leistung zeigt heute schon ein aufgeflotteter Volvo-Kombi. Fährt sich der kleine Rote wie ein echter Sportwagen? Vergleichen wir ihn (aus Gründen der Anschaulichkeit, nicht der Gleichsetzung, versteht sich) mit einem Gokart. Auch dieses hat sozusagen einen Mittelmotor, also ein Aggregat, das direkt hinter dem Fahrersitz knattert. Auch hier sorgt die Sitzposition knapp über dem Straßenbelag für einen tiefen Schwerpunkt. Mithin: Das Gefährt nimmt jede Kurve, ohne nach hinten auszubrechen oder nach vorn zu untersteuern. Jedenfalls hat dieser Fahrer den Grenzpunkt mit dem TF nicht erreicht. Und das beim muntersten Galopp über kurvenreiche, dreistellige Bundesstraßen im Voralpenland. Zensur: Eins minus.
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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