Im Licht des Südens
Mit gelassener Fröhlichkeit schreibt der italienische Dichter Antonio Tabucchi über die letzten und schönsten Dinge des Lebens
Der Mann ist nackt. Er steht, wie Gott ihn schuf, unter südlicher Sonne im blauen Meer und denkt einmal nicht, was er sonst immer denkt. Er ist sehr gebildet, doch statt an Caravaggio, Leopardi und Lorca denkt er an Schwarzbrot, Käse und Öl. Seine Lebenssanduhr hat sich schon lange umgedreht.
Er hatte in seinem Leben viele Geliebte, jetzt hat er nur noch das Meer.
Bücher, Ehe, Kinder, alles ausgelesen, zu Ende geliebt, verlassen - vor sich das Wasser, hinter sich das Leben, ein guter Augenblick, um Briefe zu schreiben und sich mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen, deren Anzahl sich in den letzten paar tausend Jahren erstaunlicherweise nicht entscheidend vermehrt hat. Es sind genau zwei, und sie heißen noch immer morte und amore, Tod und Liebe.
Ein Alterswerk also, eines jener todesprallen Werke, aus denen gnadenlos hinausgeschmissen wird, was das grelle Licht des Lebensabschieds nicht verträgt. Das bedeutet: keine literarische Stopfmasse, keine pastellfarbene Buntstiftzeichnung des Lebens, kein kleiner menschlicher Grenzverkehr, keine Zukunft, sondern nur ein alter Mann und das Meer und eine große Wassermusik.
Das ist nicht so traurig, wie man sich das hierzulande vorstellt, wo das Meer literarisch von Geistern und Deichgrafen bevölkert ist, die maritimen Helden wortkarg und die Kleider so steif wie der Nordseewind sind. Davon kann am Mittelmeer keine Rede sein. Im Gegenteil, Tabucchis mit nichts als ein paar Schweißperlen belasteter Held ist guter Dinge und rhetorisch äußerst beschlagen. Was auch kein Wunder ist, denn er verkehrt nicht schauerromantisch mit übermächtigen Schimmelreitern, sondern rein postalisch mit liebenswürdigen Damen, die ihn nicht das Leben, sondern nur ein paar Briefmarken kosten. Ein kleiner Petrarca oder Abélard, der sich noch nicht einmal verzehrt im brieflichen Ersatzvollzug, sondern den hohen Damen ebenso tiefsinnige wie sorglose Billets hinterherschickt.
Wie schön: ein Memento mori am Mittelmeer mit Ziegen im Rücken und Weinlaub im Haar - allein aus meteorologischen Gründen haben die romanischen Schriftsteller es schon immer besser gehabt. Dafür bewundern wir diesen freundlichen italienischen Herrn mit den dicken Brillengläsern, der genauso gut Portugiesisch wie kochen kann, nämlich schon seit Jahrzehnten: für die alte mediterrane Geisteswelt, in der Antonio Tabucchi - Professor in Florenz und Stellvertreter Fernando Pessoas auf Erden - mit großer Einfachheit und ohne bildungsbürgerliche Kraftmeierei zu Hause ist.
Liebling, wie die Jahre vergehen
- Datum 22.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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