Kaufschlapp und wahlmüde

Warum Pop und Politik sich weiter fremd bleiben

Ganz unten in der Plattenkiste lag sie noch, die Wechselbeat-CD von anno 1998: 14 Sozi-Schlager von der Basis, darunter der Song Reformbedarf einer Gruppe namens Bernd Schuster Experience oder The Fishpolice mit Frau Meier will den Wechsel. Unvergessen auch das Johnny Prophet Duo, dessen Titel Wähl auch Du! den wohl heftigst gereimten Rap der jüngeren deutschen Musikgeschichte enthält: Ar

löcher haben's schwer / denn unser Kanzler wird Gerhard Schröder.

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Von ähnlichen Mobilisierungsleistungen kann die SPD im Wahlkampf 2002 nur träumen. "Das alles sind wir", heißt die offizielle Hymne, aber hat diese Bluesnummer das Zeug zum echten Hit? Ein durch die Lande rollender Tieflader mit gepflegtem Jazz macht noch keine street credibility, die Generation der Weckers und Lindenbergs hat sich ebenso vom Engagement verabschiedet wie der Großteil der Saschas von heute. Und wenn Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vorige Woche auf der Kölner Popkomm-Messe behauptete, "Popmusik, das sind Emotionen, die aus zwei Textzeilen und einem Riff gemacht werden können", klang das, als habe er über einen Cousin dritten Grades davon erfahren, der es seinerseits bei Hegel gelesen hat.

Nein, die vielbeschworene Symbiose von Pop und Politik hat nicht stattgefunden, weder in Tony Blairs cool Britannia noch in Berlin oder gar zu Köln am Rhein. Statt unattraktive Sachentscheidungen mit ein wenig Glanz zu überstrahlen, muss die Unterhaltungsbranche sich selbst mit einem neuartigen Phänomen herumschlagen: der Popverdrossenheit. Immer mehr Konsumenten weigern sich, qua Kaufentscheidung für das Angebot zu stimmen. In Scharen laufen sie den Industrien davon, treten zu obskuren Geschmacksgemeinden über, zerfallen in privatistische Zirkel, die nichts miteinander teilen wollen als möglicherweise dieselbe Datei.

Unerschüttert in ihrem Glauben an die Macht der Synergien zeigen sich allein Universal-Chef Tim Renner und der Bundeskanzler. Letzterer tauchte unlängst in der neu bezogenen Berliner Zentrale des Musikkonzerns auf, um unter dem Motto "Zukunft in Deutschland. Weltoffen und innovativ" mit jungen Führungskräften zu diskutieren. Renner revanchierte sich, indem er auf der Popkomm "Vote 2002" vorstellte, eine Antiwahlmüdigkeitsplattform der fonografischen Industrie. Ist der Jugendliche, so das Konzept, erst einmal auf die Website gelockt, kann er praktisch nicht mehr anders, als zur Wahl zu gehen, denn Popmusik trifft den richtigen Ton bei der "authentischen Ansprache junger Zielgruppen". Nicht erschrecken also, wenn beim Anklicken Sängerin Sarah Connor für das Privileg wirbt, "in einer Demokratie leben und Politik mitgestalten zu können" - es ist für einen guten Zweck! Sollte freilich auch diese Initiative erfolglos bleiben, wird die Politik zu gänzlich neuen Strategien finden müssen. Der Pop immerhin wäre endlich und endgültig wieder da, wo er auch hingehört: in der außerparlamentarischen Opposition.

 
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