Klüger werden mit Heinrich Heine

Die Fundamentalisten und Hohen Priester des Dichtens (Borchardt, Kraus etwa), so spinnefeind sie einander wieder waren (sind sie immer), hatten eins doch beide: kein Ohr für Heine. Borchardt, der aber doch ein paar wunderbare Verse bei Heine gefunden hatte für seinen Ewigen Vorrat deutscher Poesie, sprach im Nachwort von Heines "ungroßmütigem Geizen mit seinem Innern, dem einzigen, was der Dichter zu schenken hat"

Kraus brachte sein Urteil, und dann noch, indem er den unschuldig toten Claudius mit hineinzog, in die sonderbar fäkalischen Verse, die er Lyrik der Deutschen überschreibt: "Wer kann, ist ihr Mann und nicht einer, der muss, sie irrten vom Wesen zum Scheine. Ihr lyrischer Fall war nicht Claudius, aber Heine"

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und dann, beim Blättern, sehe ich noch, dass eine meiner ganz frühen Lieblingsanthologien, Deutsche Gedichte, von Katharina Kippenberg 1950, keine einzige Zeile Heine enthält.

Aber sie hatten wohl alle nicht Heine gelesen, sondern nur Leute gekannt, die betrunken die Loreley besangen, wofür aber ja Heine wirklich nichts konnte

hatten nicht gelesen etwa (oder gelesen und am Ende wohl nicht gemocht), wie Heine Lord Byrons Elfenlied aus dem Manfred übersetzt (und da wäre Claudius bestimmt neidisch geworden): "Schläfst du auch mit Augen zu ..."

Mit Augen zu: da tun sich, 1820 ungefähr, zwei Genies zusammen (Heine war neun Jahre jünger als Byron, Byron war achtundzwanzig, als er das Lied schrieb, Heine zweiundzwanzig, als er es übersetzte), und eine ganze Epoche bricht auf (wie Erde, wenn etwas Neues kommt). Es ist ja nicht so, dass sie beide einfach den alten großen Ton des Dichtens abschaffen wollten (wie Feuerbach und Marx dann Gott), sie wollten ihn, im Gegenteil, denn so gut wie tot war er ja, wiederbeleben, wie Goethe in denselben Jahren mit seinem West-östlichen Diwan

und das mit dem Innern, das die Dichter schenken müssten, war ihnen zunächst einmal relativ egal

Leser-Kommentare
  1. Anlässlich der von der Koalition ins Auge gefassten Verschärfung des Sexualstrafrechts kamen mir Heinrich Heine's treffliche Sätze beim Vergleich der Franzosen mit den Deutschen (Germanen) wieder ins Bewusstsein.
    Hier Heine in seiner unverwechselbaren kontrastreichen Dichtkunst:
    "Diesseits und jenseits des Rheins
    Sanftes Rasen, wildes Kosen,
    Tändelnd mit den glühnden Rosen,
    Holde Lüge, süßer Dunst,
    Die Veredlung roher Brunst,
    Kurz: der Liebe heitre Kunst -
    Da seid Meister ihr, Franzosen!
    Aber wir verstehn uns bass,
    Wir Germanen auf den Hass.
    Aus Gemütes Tiefen quillt er,
    Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er
    Und mit seinem Gifte füllt er
    Schier das Heidelberger Fass.
    Wegen der beabsichtigten Änderung des Sexualstrafrechts durch die Koalition könnte der 2. Vers von Heine z.B. wie folgt aktualisiert werden:
    Wir Deutschen dagegen scheinen auf  Betonwegen. Wir reglementieren, was Jungen und Mädchen so drehen dürfen am Rädchen - mit sich so probieren, sich vielleicht mehr genieren. Die Rede ist vom Sex in der Jugend, von deren Moral und  Tugend.
    Fummeln, Petting, Posing, Tasten - sollen die Getriebenen nachhaltig belasten. Der Staat gedenkt sein Strafrecht zu verschärfen. Das überreizt auch die stärksten Nerven. Geregelt ist doch hinlänglich der Sexual-Missbrauch. Die jungen Deutschen hoffen indes noch immer, dass es jetzt nicht werdeschlimmer. Kurz: dass sich rasch verziehe der schwarz-rote Rauch.
     

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  • Quelle DIE ZEIT, 35/2002
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